subota, 17. rujna 2016.

Jetzt schlägt Merkel bei Erdogan wieder härtere Töne an



Eine Stunde hat Recep Tayyip Erdogan am frühen Nachmittag für Angela Merkel (CDU) Zeit. Das ist nicht lange. Angesichts des engen Zeitfensters überrascht der türkische Präsident, der kein Englisch spricht, die Kanzlerin zumindest mit einer Geste des Entgegenkommens: Anders als bei bisherigen Begegnungen üblich, besteht er nicht darauf, zu Ende zu sprechen, bevor sein Übersetzer beginnt.

Heißt: Merkel muss sich die gefürchteten länglichen Monologe Erdogans nicht gleich zwei Mal anhören: einmal auf Türkisch und dann noch auf Deutsch. Die Kanzlerin, die internationale Verhandlungen gerne auf Englisch oder mit schneller Parallelübersetzung führt, hasst diese altmodische, ineffiziente Art der Diplomatie.

Die Geste ändert freilich nichts daran, dass Erdogan in Istanbul die Regeln bestimmt. Er ist der Gastgeber. Nicht nur der von Merkel, sondern der der ganzen Welt.

Das ist wenigstens die Idee des World Humanitarian Summit, den UN-Generalsekretär Ban Ki-moon erdacht hat, um "an die humanitären Prinzipien zu erinnern". Es sollen diesmal keine Hilfsgelder eingeworben werden, sondern Mechanismen verabredet werden, um besser auf Krisen reagieren zu können.

Die ganze Welt war geladen, aber die deutsche Kanzlerin ist neben Erdogan die einzige Führerin eines G-20-Landes, die tatsächlich erschienen ist. Der Brite David Cameron und die norwegische Regierungschefin Erna Solberg haben in letzter Minute noch abgesagt. So sind der Scheich von Kuwait und der Präsident von Mali neben Merkel die Topgäste. Papst Franziskus hat immerhin eine Videogrußbotschaft geschickt.


In Gedanken ist Merkel schon zuvor bei Erdogan



Neben Merkel im Hauptprogramm der Konferenz nahmen auch noch ihr Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und ihr Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) an sogenannten Side-Events (Nebenveranstaltungen) teil. Keine Regierung der Welt – außer den gastgebenden Türken – ist damit so hochrangig vertreten wie die deutsche. Seit die "Bekämpfung von Fluchtursachen" im vergangenen Herbst zur Priorität der große Koalition wurde, unterstützt Deutschland mit großem Eifer die Reformvorschläge der UN zur Krisenprävention.



Am "runden Tisch" der Spitzenpolitiker klingt die Kanzlerin dann allerdings so wenig engagiert, dass man das Gerücht, sie strebe den Posten einer UN-Sekretärin an, nicht mehr glauben mag: "Es gibt keine nachhaltige Entwicklung ohne Frieden, aber auch kein Frieden, wenn keine nachhaltige Entwicklung folgt."

Im Kopf ist Merkel erkennbar woanders – vielleicht bei Erdogan. Doch der hat erst später Zeit. Um 14 Uhr hat sie endlich ihren Termin. Diesmal bittet Erdogan nicht in einen Palast, sondern in einen schlichten Nebenraum des Kongresszentrums, in dem die UN-Konferenz stattfindet. Zuerst sollte das Treffen im Raum "Hamidiye" stattfinden. Doch so hieß eine osmanische Reitereinheit, die am Genozid an den Armeniern 1916 beteiligt war.

Der Bundestag wird diesen Völkermord in der kommenden Woche zum ersten Mal einen solchen nennen – sehr zum Ärger Erdogans. Wird, um solche Assoziation zu vermeiden, in letzter Sekunde der Raum gewechselt?


Gilt der Flüchtlingsdeal jetzt oder nicht?



Tatsächlich treffen sich Erdogan und Merkel dann in einem anderen Raum, mit dem unverfänglichen Namen "Yildiz 1". Aber zuerst muss Merkel warten: 15 Minuten lang. Vor ihr hat noch Mark Rutte, der niederländische Ministerpräsident und amtierende EU-Ratspräsident, einen Erdogan-Termin.

Jetzt also Merkel. Es ist schon das vierte Treffen der beiden seit dem Ausbruch der Flüchtlingskrise. Auß

Doch Davutoglu war auf türkischer Seite der Architekt des EU-Türkei-Abkommens. Er hatte versprochen, alle Flüchtlinge zurückzunehmen, die über die Ägäis nach Griechenland übersetzen, wenn die EU im Gegenzug dafür endlich Visumfreiheit für türkische Staatsbürger gewährt. Dafür wiederum sollte die Türkei allerdings 72 Voraussetzungen erfüllen, technischer, aber auch politischer Art. Und genau das hat Erdogan erklärterweise nicht mehr vor: Die Terrorgesetze, mit denen auch Intellektuelle und Journalisten, ja sogar Parlamentsabgeordnete verfolgt werden, sollen bleiben, wie sie sind.

Die naheliegende Frage lautet logischerweise: Gilt der Flüchtlingsdeal trotzdem weiter? Die Kanzlerin hofft selbstverständlich darauf. Immerhin war die Visumfreiheit nicht der einzige Preis, den Erdogan dafür aufgerufen hat, niemanden mehr in die Boote der Schlepper zu lassen. Sechs Milliarden Euro will die EU in den kommenden Jahren für Flüchtlinge in der Türkei ausgeben. Außerdem stehen immer noch die "freiwilligen Kontingente" im Raum, die im EU-Türkei-Abkommen erwähnt sind, aber nie konkret beziffert wurden.

Im Falle einer neuen Eskalation des syrischen Bürgerkrieges und einer neuen Massenflucht in die Türkei darf Erdogan darauf hoffen, einen Teil dieser Flüchtlinge direkt an Deutschland und einige andere EU-Länder weiterzuschicken. Mit Erleichterung hatten deutsche Diplomaten am Morgen im britischen "Guardian" einen Gastbeitrag von Erdogan gelesen, in dem er das EU-Türkei-Abkommen lobend erwähnt. Andererseits drohen Berater des Präsidenten auch am Rande des UN-Events wieder damit, alles platzen zu lassen. Ganz sicher kann sich die Kanzlerin also nicht sein.


Kanzlerin weicht Frage nach Flüchtlingsdeal aus



Nach dem Gespräch wirkt sie nicht zufrieden. Sie berichtet zuerst von einem Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft, das sie am Vorabend hatte, und macht sich deren Sorgen explizit zu eigen: "Wie kann eine lebendige Demokratie erhalten bleiben oder entstehen?" Sie habe "sehr offen" mit Erdogan gesprochen und "tiefe Besorgnis" ausgedrückt. Das ist in der Sprache der Diplomatie sehr deutlich: "Die Fragen sind nicht vollständig geklärt, die ich in diesem Zusammenhang hatte."




Mit diesem Besuch hat Merkel also zu den offenen Worten zurückgefunden, die ihr Verhältnis zu Erdogan viele Jahre geprägt hatten. Bevor sie sich in der Flüchtlingskrise einige Monate lang alle Kritik an dem Autokraten gespart hatte.

Zu Merkels neuer Deutlichkeit gehört auch die Erkenntnis, dass es die ab dem 1. Juli geplante Visumfreiheit für die Türkei nicht geben wird: "Nach Maßgabe der Dinge werden nicht alle Bedingungen erfüllt", sagt Merkel. Der Frage, ob damit der ganze Flüchtlingsdeal gescheitert sei, weicht Merkel aus: "Wir haben über das Naheliegende gesprochen, nicht über alle Facetten." Sie habe immer noch "den Eindruck", dass das Abkommen in beiderseitigem Interesse sei und dass man es "schrittweise umsetzen" müsse.

Diese Sätze werden im deutschen Konsulat in Istanbul gesprochen, wo Merkel vor die Kameras geht. Aber sie wählt dafür bewusst nicht die repräsentative Seite der Raumes. Dort nämlich hängt ein besonderes Porträt von Wilhelm II. Es zeigt den deutschen Kaiser mit türkischem Fez und in der Uniform des Osmanischen Reiches. So wollte Merkel auf dieser Reise augenscheinlich nicht wirken.

Wer früher alt wird, bleibt länger jung



Das Album, das Bob Dylan sich zum 75. Geburtstag schenkt, beginnt mit "Young at Heart". Wenn du im Herzen jung bleibst, singt er, werden Märchen wahr. Nicht er hat das geschrieben, sondern Carolyn Leigh. Gesungen hat es Frank Sinatra, 1953, als die Popmusik noch arbeitsteilig hergestellt wurde, von Dichtern, Komponisten, Interpreten, bis Bob Dylan alt genug war und das Ideal singender Autoren etablierte. Damals, vor gut fünfzig Jahren, hieß es, Dylan sei schon immer alt gewesen in der Stimme und der Seele. Vielleicht bleibt, wer früher alt wird, länger jung. Sein jüngstes Album jedenfalls feiert die Hymnen seiner Jugend: Wie vor einem Jahr auf "Shadows in the Night" verwandelt er sich auch auf "Fallen Angels" (Columbia) wieder in einen erkälteten Sinatra und die Band in ein Bordellorchester mit Pedalgitarre, Bratsche, Rührbesen und Mandoline. Er meint das sehr ernst, der größte Songschreiber Amerikas, wenn er das große Songbuch von Amerika nicht einmal mehr interpretiert. Er spielt es einfach für sich selbst. Nach all den Songs, die er ein Leben lang für uns gespielt hat.


"The Times They Are a-Changin'" (1964)


Man muss Bob Dylans Mut bewundern: Ein wirrer Mann mit wirrem Haar, wirrem Blick und einer Quäkstimme, die klingt, als nöle jemand durch eine Gasmaske vor sich hin. Und er tritt tatsächlich vor zahlendem Publikum auf! Ästhetisch kaum erträglich. Aber noch schlimmer sind seine Fans. Immer wieder trifft man auf Leute, welche die wirren Botschaften dieses Orakels aus irgendeiner Christensekte zum superneuen Testament erklären. Das sind spießige Beseelte, von denen ich mich – auch aus schlechter Erfahrung – lieber fernhalte. Bei der Lektüre etlicher Songtexte habe ich auch nur Wirres gefunden. "The Times They Are a-Changin'"! Was für ein Quatsch! Die vage Widerstandspose wird widerlegt durch diesen gestrigen und provinziellen Countrysound. Woody Guthrie für Esoteriker. Dieser Dylan singt immer gleich verquast – von immer ausbleibender Veränderung. Seit Jahrzehnten geht das jetzt schon so. Dass seine viel zu vielen Fans ihn sogar für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen haben, passt prima ins Bild. Wenn Günter Grass und Elfriede Jelinek dafür schlecht genug waren, dann kann ihn ruhig auch dieser Nervbarde kriegen. Dirk Schümer


"Desolation Row" (1965)


Manche brauchen ein ganzes Leben, um den "Ulysses" von James Joyce zu verstehen. Ich muss sagen, dass für mich "Desolation Row" die wesentlich härtere Nuss ist. Es ist nicht nur einer der längsten Dylan-Songs, sondern der schwierigste. Mit 14 habe ich das Lied aus "Highway 61 Revisited" zum ersten Mal gehört und kein Wort verstanden, was damals auch an meinen rudimentären Englischkenntnissen lag. Mittlerweile verstehe ich akustisch alles, aber die Rätsel der zehn Strophen zu je zwölf Versen haben sich mir trotzdem nicht erschlossen. Ich bin mir darüber im Klaren, dass Poesie keine Rechenaufgabe ist, die sich komplett lösen lässt. Schließlich würde nur ein Idiot erwarten, ein Celan-Gedicht oder Rimbauds "Eine Zeit in der Hölle" abhaken zu können. Aber ich war doch sehr glücklich, als ich irgendwann begriff, worauf Dylan mit "They're painting the passports brown" anspielen könnte. Das Wunderbare an diesem Meisterwerk ist, dass es keiner dieser selbstverliebten Musikeronanien ist, bei denen einfach niemand im Studio gewagt hat, dem Künstler zu sagen, dass er jetzt mal aufhören könne. Die düstersten Metaphern werden zur schönsten Musik vorgetragen und die akustische Gitarre lockt den Geist und das Ohr immer wieder zur Minne wie ein Troubadour seine Angebetete. Ich will sterben, ohne "Desolation Row" jemals verstanden zu haben. Matthias Heine


"Isis" (1976)



Das Video habe ich erst viel später gesehen. Die CD "Desire" fand ich auf einem Flohmarkt in Locarno am Lago Maggiore um den fünften Mai herum, es war kurz nach Ostern. Ich glaube, sie kostete vier Schweizer Franken, den Gegenwert eines Eisbällchens in der "Gelateria" unten am See, wo man um die Ecke biegt, und das Gleißen und Glitzern liegt vor einem. Oben im Istituto Ricerche Solari, wo mein Vater, ein Astronom, das Teleskop gen Sonne richtete, hörte ich Bob Dylan von seiner "Isis" singen, auf einem schäbigen Kassettenrekorder mit CD-Player. Das Cover sah ein bisschen abturnend aus: Dylan in Schneewesternuniform mit Pelzkragen und Cowboyhut. Die Verse habe ich bis heute nicht verstanden, sie sind undurchdringlich und funkeln wie der Diamantenschatz, den das lyrische Ich und sein zwielichtiger Begleiter suchen gehen. Später – das Grab in der Eispyramide war leer, der Begleiter ist tot – kehrt der Held zu Isis zurück, jenem "mystical child", das ihn immer noch liebt. Dylan singt von dieser Liebe voller Wut auf YouTube Mitte der Siebzigerjahre in weißer Kriegsbemalung. Der Song ist von einer seltsamen Kraft, hart und weich zugleich, wie die Landschaft, in der ich ihm begegnete. Oben auf der Cimetta glänzte der Schnee. Jan Küveler




"Gotta Serve Somebody" (1979)



Der atheistische Jude Jerry Wexler produzierte das erste Album, das Bob Dylan als wiedergeborener Christ einspielte: "Slow Train Coming". Wexler hat Aretha Franklin und Wilson Pickett produziert und sorgte dafür, dass "Slow Train" Soulbekam, vor allem der Opener: "Gotta Serve Somebody". Hier findet sich Dylans Botschaft – nicht nur die Botschaft des Albums, sondern auch seiner christlichen oder seiner chassidischen Phase – in Reinform: Egal, wer du bist, Bankbesitzer oder Tankbesitzer, Erbe oder Friseur: Entweder dienst du Gott oder dem Teufel. Darüber ärgerte sich John Lennon so sehr, dass er den Talking Blues "Serve Yourself" schrieb, in dem er über Konvertiten spottete: Weder Jesus noch Buddha noch Mohammed retten den, der sich nicht selbst zu helfen weiß. Ein Jahr später wurde Lennon von einem wiedergeborenen Christen ermordet. 32 Jahre später schrieb Dylan eine Hommage an den Rivalen: "Roll On, John". Späte Anerkennung oder Heiligsprechung, um die Blasphemie zu überspielen? Alan Posener


"Sweetheart Like You" (1983)



1983 kaufte ich mir mein erstes und, wie ich zugeben muss, in physischer Tonträgerform auch einziges Dylan-Album, "Infidels". Dylan, das war für mich dieser Typ, der ein paar endlos lange Lagerfeuer-Smashhits geschrieben hatte und dessen Gesang verzweifelt versucht, Mark Knopfler nachzuahmen. Der war Anfang der Achtziger das Maß aller Bluesfolkrock-Dinge und hatte das Dylan-Album produziert – für mich der entscheidende Kaufimpuls. Dass Dylan damals in einer schweren künstlerischen Krise steckte und verzweifelt den Spagat zwischen alten, zunehmend irritierten Fans und neuen, popaffinen Hörern probierte, dass Dire Straits ohne Dylan gar nicht vorstellbar gewesen wäre, von alldem hatte ich als 14-Jähriger keine Ahnung. "Sweetheart Like You" war für mich eine Art B-Seite von "Romeo and Juliet", bei dem ja tatsächlich umgekehrt Knopfler schamlos Dylanismen imitiert. Den test of time haben beide Stücke bestanden. "Sweetheart" ist immer noch eine der tollsten Anmachen in Liedform und echter Dylan. Der große Liebende ist hier immer auf der Durchreise; der Mensch an sich nur Gast auf dieser dunklen, lumpigen, nach Rettung flehenden Erde. Und doch kann einem am allerunwahrscheinlichsten Ort die erlösende Schönheit begegnen: "Was macht ein Schatz wie du in so einem Saftladen?" Richard Kämmerlings


"Most of the Time" (1989)


Nach Jahren der evangelikalen Wanderpredigerei und einigen ärgerlich hingeschluderten Alben fand Dylan 1989 mit "Oh Mercy" zurück zu poetischer und musikalischer Kraft. Der kanadische Produzent und Gitarrist Daniel Lanois (der acht Jahre später auch "Time out of Mind" verantwortete), schuf einen schwebenden, raumöffnenden Klang, der dem Meister alle Freiheiten ließ. Der war bei Stimme und in Stimmung. In "Most of the time", mit 5:05 Minuten der längste Song des Albums, besann er sich auf seinen sarkastischen, verwundeten Minnesänger, der so tut, als habe die Angebetete ihm nicht viel bedeutet – meistens jedenfalls. Er gleicht dem Westernhelden, der seine Herzenswunde verbirgt. Meistens habe er einen kühlen Kopf, komme mit allem und jedem klar, könne nicht mal sicher sein, ob sie je bei ihm war, vermisse nichts – aber nur meistens. "I can smile in the face of mankind/ Don't even remember what her lips felt like on mine/ Most of time." Die Ballade atmet Schmerz und Ironie, Tapferkeit und Hoffnung in einer erhabenen Alltagssprache. So verdammt gut war Bob Dylan – meistens. Uwe Schmitt


"Tweedle Dee & Tweedle Dum" (2001)




Es war nicht leicht für ihn und uns, nachdem Bob Dylan gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts wieder ganz der Alte wurde. Seine Platten wurden wieder Werke. Aus seinen Konzerten wurden wieder Messen: Man stand zwischen älteren Männern, die einem erklärten, dass der Meister seine Songs dekonstruiere, weshalb sie, sobald er einen dieser Songs anstimmte, darin wetteiferten, schneller, lauter und gebildeter den Titel in den Saal zu rufen. Auch Bob Dylan litt darunter. Niemand hat so pubertäre Fans wie er. Sein Schaffen wird verklärt, seine Figur werden vergöttert. Jede Boygroup wird heute gelassener behandelt von den Mädchen als der 75 Jahre alte Sänger von den Männern der geburtenstarken Jahrgänge. Das 21. Jahrhundert läutete also ein Kinderlied ein. "Tweedle Dee & Tweedle Dum" erzählte von zwei Freunden, die Amerika durchstreunen wie zwei junge Dylans aus der Dylan-Exegese. Machte sich der Sänger über seine Hörer lustig? "Ich habe genug von dir, sagt Tweedle Dum zu Tweedle Dee", sang er 2001. Heute singt er Sinatra. Michael Pilz

Bob Dylan erhält "Medal of Freedom"




Kollegen wählen Götze zum "Absteiger der Saison"



Mario Götze hat beim FC Bayern ein schwieriges Jahr erlebt. Die Kollegen aus der Bundesliga halten ihn sogar für den Verlierer der Saison. Der Weltmeister deutet nun an, in München bleiben zu wollen.




Foto: Getty ImagesMario Götze musste in der abgelaufenen Saison häufig von der Bank aus zuschauen


Mario Götze ist von seinen Kollegen in der Fußball-Bundesliga zum "Absteiger der Saison" gewählt worden. Der hochbegabte Mittelfeldstar saß beim Double-Gewinner Bayern München oft auf der Bank und hatte dort ein äußerst schwieriges Jahr. Dieser Eindruck bestätigte sich auch in einer Umfrage der Zeitschrift "Kicker". Rund 30 Prozent der 235 befragten Profis halten Götze für jenen Spieler, der im Laufe der Saison am tiefsten gefallen ist.

Auf Platz zwei folgt mit 17,5 Prozent der Wolfsburger Max Kruse, der wegen einiger unglücklicher Auftritte abseits des Fußballplatzes nicht mehr zur deutschen Nationalmannschaft gehört. Ebenfalls glaubten die befragten Profis, dass der ehemalige Nationalspieler Kevin Kuranyi bei 1899 Hoffenheim (9,8 Prozent) eine Saison zum Vergessen erlebt hat. Er liegt bei der Umfrage auf Platz drei.

Mit seiner Umfrage ermittelte "Kicker" auch noch eine Reihe von weiteren Ranglisten. So wurden die Profis gefragt, wer für sie die Gewinner der abgelaufenen Spielzeit seien. Julian Weigl von Borussia Dortmund gilt für 20 Prozent der Befragten als "Aufsteiger der Saison". Auf den Plätzen folgen der Leverkusener Julian Brandt (14,5 Prozent) und Schalkes Leroy Sané (12,3 Prozent). Alle drei Spieler sind von Bundestrainer Joachim Löw in das vorläufigen EM-Aufgebot berufen worden.


BVB-Profi zum "besten Feldspieler" gewählt



Zum besten Feldspieler der abgelaufenen Saison kürten die Spieler Henrikh Mkhitaryan (Borussia Dortmund), bester Torhüter war Weltmeister Manuel Neuer von Bayern München. Als "Gewinner" unter den Trainern nannten die meisten Spieler Pal Dardai von Hertha BSC, der sich mit 17,5 Prozent knapp gegen Dirk Schuster (Darmstadt 98) und Julian Nagelsmann (1899 Hoffenheim) durchgesetzt hat.

Dardais Klub lag zur Winterpause sogar auf dem dritten Tabellenplatz, der zur Champions-League-Teilnahme berechtigt. Am Ende wurden die Berliner Siebter. Das reichte jedoch aus, um sich unter den Befragten gegen Darmstadt als "positive Überraschung der Saison" durchzusetzen. Zum "Verlierer" wurde der bei Absteiger Hannover 96 gescheiterte Thomas Schaaf erklärt.


Könnte Götze beim FC Bayern bleiben?



Mario Götze muss in diesem Sommer einige Entscheidungen treffen, um seine Karriere neu zu beleben. Wie es weitergehen könnte, hat er nun gegenüber "Bild" angedeutet: "Ich freue mich auf die neue Saison in München und werde alles daran setzen, bei meinem ersten Training unter Carlo Ancelotti (ab Sommer Trainer des FC Bayern – d.R.) topfit anzutreten", sagte er.

Wagt er einen Neuanfang beim FC Bayern? Zuvor hatte es Berichte gegeben, wonach Ancelotti dem Mittelfeldspieler in einem Telefonat mitgeteilt habe, dass er wie Vorgänger Pep Guardiola nicht voll auf ihn setzen werde. Deshalb wurde über einen vorzeitigen Abschied Götzes vom FC Bayern spekuliert, an den der Siegtorschütze aus dem WM-Finale 2014 noch bis 2017 vertraglich gebunden ist. Hinter Götze liegt eine Seuchensaison mit einer langen Verletzungspause. Zuletzt hatte er das DFB-Pokalfinale wegen eines Rippenbruchs verpasst.

Am Montag hatte Götze außerdem "einvernehmlich" die Zusammenarbeit mit Volker Struth, seinem bisherigen Berater, und der Agentur SportsTotal beendet. Laut "Kicker" soll ihm künftig Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Peter Duvinage zur Seite stehen, der auch Götzes Bayern-Kollegen Holger Badstuber vertritt.
Das sagen die Bayern-Spieler zu Guardiolas Tränen




Nach seinem letzten Spiel als Bayern-Trainer zeigte Pep Guardiola plötzlich bislang unbekannte Emotionen. Der Spanier weinte hemmungslos. Für die Spieler nicht wirklich überraschend.

"Allein sein hilft nichts" – Gigolos auf dem Meer



Einer ist Witwer, der andere wurde verlassen. Als Tänzer und Unterhalter auf einem Kreuzfahrtschiff suchen sie nach dem neuen Leben und nach der Liebe. Das ZDF zeigt eine Doku über "Die letzten Gigolos".

Von Alexander Jürgs




Foto: ZDF und Janis MazuchEin Gigolo in seinem Element. Peter ist Tänzer und charmanter Gesellschafter


Er breitet die Krawatten auf dem Bett aus, mindestens ein Dutzend. Zu jeder einzelnen zählt er auf, wie sie wirkt. Hellblau mit Rosa gestreift: jugendlich. Dunkelrot und Himbeere: elegant und vornehm. Beige: zurückhaltend und fein. Der Eindruck, den er bei den Frauen hinterlässt, das ist nicht nur Peters Kapital, das ist sein Leben.

Er hat kein Gramm Fett zu viel, der Bart ist fein gestutzt, er ist ein smarter Typ. Sein Aussehen ist harte Arbeit. Sein Alter, er ist 74, sieht man ihm nicht an. Peter ist Gentleman Host auf einem Luxusliner. Das, was er tut, ist für ihn mehr als ein Job, Geld verdient er damit keins.

Peter versüßt alleinstehenden Seniorinnen die Kreuzfahrtreisen. Er fordert zum Tanz auf, er hält Small Talk, er verteilt Rosen. Für seine Dienste lassen die Reedereien ihn kostenlos über die Ozeane schippern. "Meine Hauptaufgabe ist es, Kavalier zu sein", sagt Peter.


Babs, die lustige Witwe



"Die letzten Gigolos" heißt die Dokumentation, die sich dem Phänomen der Gentleman Hosts widmet. Der österreichische Regisseur Stephan Bergmann, Jahrgang 1980, hat sie gedreht. Auf einigen Filmfestivals lief sie bereits, nun zeigt das ZDF sie in der Reihe "Das kleine Fernsehspiel". Peter ist einer von drei Protagonisten des Films. Er ist der erfahrene Mann an Bord. Heinz ist der Neuling, die dokumentierte Reise auf der "MS Deutschland" ist sein Einstieg als Gentleman Host. Und dann ist da noch Babs, die lustige Witwe.





Schon mit ihrem Mann war sie ständig auf den Meeren unterwegs. Babs sagt selbst, sie sei süchtig nach Kreuzfahrten. "An Bord, das ist ein ganz anderes Leben", erklärt sie. Denn auf dem Kreuzfahrtdampfer ist selbstverständlich, was auf anderen Reisen etwas Anrüchiges hat: an die Bar gehen, flirten, tanzen. "Die letzten Gigolos" ist ein Film über die Sehnsucht.


Peter träumt davon, noch einmal "die Richtige" zu treffen



Dass nicht gespottet wird über die Protagonisten, dass ihre Träume nicht belächelt werden, das ist das Schöne an der Dokumentation. Als Gentleman Hosts erkämpfen sich Peter und Heinz ein großes Stück Freiheit. Peter ist schon seit vielen Jahren Witwer. Als seine Frau starb, hat er sich in der Arbeit vergraben, erzählt er. Irgendwann merkte er, dass ihm das nicht hilft. Heute träumt er davon, auf einer seiner Reisen doch noch einmal "die Richtige" zu treffen.



Foto: ZDF und Janis MazuchEin Gigolo in seinem Element. Peter ist Tänzer und charmanter Gesellschafter

Heinz hat sein Leben lang als Manager gearbeitet, zwölf Stunden, 14 Stunden oder noch mehr. Daran ist seine Ehe zerbrochen. Mit den Kreuzfahrten will auch er nun in ein neues Leben starten. Es hat etwas Rührendes, wie der erfahrene Peter ihn an die Hand nimmt, ihn in die Riten der Kreuzfahrt-Gigolos einführt, ihm etwa erklärt, worauf man achten muss, um die Tanzwilligen unter den Frauen zu identifizieren.

"Die letzten Gigolos" ist alles andere als ein typischer Dokumentarfilm, nicht nur deshalb, weil auf eine einordnende Reporterstimme aus dem Off verzichtet wird. Vor allem beeindruckt der Film wegen seiner eleganten Bilder. Wie er gefilmt wurde, das ist großes Kino.


Sie wollen noch etwas entdecken



Die Kamera fokussiert Details, zeigt etwa das Einfädeln eines Manschettenknopfs, fängt in ruhigen Bildern die Wassergymnastik-Stunde im Außenpool ein, zeigt die Dösenden an Deck, die Arbeitsabläufe in den Küchen, das Meer aus der Vogelperspektive, die sich kräuselnden Wellen. Man taucht tief ein in die Welt aus Welcome-Drinks und Klaviermusik, aus Kartenspielen und Perlenketten. Und man hört all die kitschigen Lieder: "Love Is In The Air", "Stand By Me", "Bei mir bist du scheen".

Foto: ZDF und Janis MazuchAuf einer Kreuzfahrt finden sich Paare. Bleiben sie auch danach zusammen?

Ganz selbstverständlich, ganz unaufgeregt erzählt Stephan Bergmann in seinem Film auch davon, dass Sexualität für die Senioren noch immer eine wichtige Rolle spielt, wenngleich sich vieles verändert hat. "Warum sich Frauen junge Männer suchen? Wegen der Potenz", sagt Babs und lacht. In der Frauenrunde geht es so aufgeregt zu wie bei Teenies in der Raucherecke. Sie wollen noch etwas entdecken, das Leben ist für sie noch lange nicht vorbei. Und nicht nur Peter, der Charmeur alter Schule, ist auf der Suche nach einer neuen Liebe, nicht nur er wünscht sich ein neues Glück. "Allein sein hilft nichts", sagt Babs.

Putin blamiert sich an den globalen Finanzmärkten


Bedröppelter Gesichtsausdruck: Der russische Präsident Wladimir Putin auf einem Gipfeltreffen in Sotschi in der vergangenen Woche. An den Finanzmärkten läuft es für den Kreml-Chef nicht so wie erhofft.


Foto: AFPBedröppelter Gesichtsausdruck: Der russische Präsident Wladimir Putin auf einem Gipfeltreffen in Sotschi in der vergangenen Woche. An den Finanzmärkten läuft es für den Kreml-Chef nicht so wie erhofft.


So hat sich Wladimir Putin die Rückkehr seines Landes auf die Finanzbühne sicher nicht vorgestellt. Vor drei Monaten kündigte der Kreml großspurig an, den globalen Kapitalmarkt anzuzapfen und neue Staatsanleihen zu verkaufen. Von den Wall-Street-Giganten über europäische Institute bis hin zu chinesischen Kreditgebern würden nahezu alle Banken von Rang und Namen Schlange stehen, um das Geschäft abzuwickeln.

Zum ersten Mal seit der Verhängung westlicher Sanktionen sollte ein zehnjähriger Schuldtitel in Dollar verkauft werden. Auf diese Weise wollte Putin aller Welt zeigen, dass Russland auch an den Finanzmärkten eine Weltmacht ist, und nebenbei sich dringend benötigte Dollar-Devisen beschaffen.
"Ölproduzenten werden weiter am Limit agieren"




Nach heftigen Debatte erklärten die Opec-Staaten das Scheitern der Gespräche. Die Ölförderung wird nicht gekappt. Eugen Weinberg, Chef-Rohstoffanalyst der Commerzbank, erklärt nach dem Treffen im April, warum das vorauszusehen war.Quelle: Die Welt

Doch aus dem machtvollen Comeback ist nichts geworden. Am Montag musste das russische Finanzministerium kleinlaut einräumen, den lange angekündigten Verkauf der Dollar-Anleihen in Eigenregie abwickeln zu müssen. Man werde unter alleiniger Führung der staatlich geführten VTB Capital die Papiere allein verkaufen.


Angst vor der schwarzen Liste



Offensichtlich konnte der Kreml für den Verkauf an Investoren keine westliche Bank gewinnen. Im Februar hatten sowohl die US-Regierung als auch die Europäische Union die Institute gewarnt, derartige Geldgeschäfte mit Russland zu machen.

Zwar verbieten es die offiziellen Sanktionen den Banken nicht, bei Auktionen von Anleihen mitzubieten. Dem russischen Staat darf durchaus Geld geliehen werden. Nicht Russland selbst steht auf der Sanktionsliste, nur Geschäfte mit einzelnen Geldhäusern und Unternehmen sind untersagt.
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Doch Putin hätte die eingenommenen Dollar durchaus umleiten können, um notleidende Firmen zu stützen, die auf der schwarzen Liste stehen. Damit hätte der Kreml die Sanktionen umgehen können.

Russland wollte unbedingt westliche Banken beteiligen, nicht nur um die Emission geräuschlos über die Bühne zu bekommen. Eigentlich haben nur große Häuser wieGoldman Sachs, Deutsche Bank & Co. die Kraft, Anleihen im Milliardenwert in kurzer Zeit bei Anlegern zu platzieren.

Es sollte aber auch demonstriert werden, dass den westlichen Instituten Geschäfte mit Moskau wichtiger sind als geopolitische Plänkeleien ihrer Heimatländer. Ein solches Signal ist nun krachend misslungen. Die westlichen Banken fürchteten mögliche weitere Milliardenstrafen durch die Regulierungsbehörden.

Putin muss für den Alleingang auch einen ökonomisch hohen Preis bezahlen. Damit VTB überhaupt eine Chance hat, die Papiere zu platzieren, bietet der Kreml für die zehnjährigen Dollar-Anleihen nach Meldungen der Finanzagentur Bloomberg eine Verzinsung zwischen 4,65 und 4,9 Prozent. Der Risikoaufschlag zu US-Staatsanleihen beträgt satte 2,56 Prozentpunkte, bei der letzten großen Dollar-Anleihe 2013 waren lediglich 1,9 Prozentpunkte fällig.


Rezession dürfte anhalten



Russland muss potenziellen Investoren mehr bieten als Kolumbien und fast so viel wie Brasilien. Auch das hätte sich der Kreml nicht träumen lassen. Schließlich haben sich sowohl der Rubel als auch die Kurse an der Börse in Moskau deutlich von ihren Tiefständen erholt.

Mit gut 15 Prozent gehört die russische Börse zu den globalen Gewinnern in diesem Jahr. Der Rubel wiederum hat zum Dollar um fast zehn Prozent aufgewertet.
Darum hat sich der Ölpreis so schnell erholt



Die Entwicklung des Ölpreises ist weiter beherrschendes Thema an den Märkten. Dietmar Deffner im Gespräch mit Jochen Stanzl, Chef-Marktanalyst CMC Markets, zu Entwicklungen und Aussichten für den Ölpreis.Quelle: Die Welt

Dass Russland den Verkauf der Anleihen trotzdem forciert, demonstriert, dass der Kreml dringend auf die Kapitalmärkte angewiesen ist, um das Budgetdefizit zu schließen. Nach Prognosen der Ratingagentur Fitch dürfte das Haushaltsloch in diesem Jahr auf fünf Prozent der Wirtschaftsleistung steigen. Es wäre das größte Minus seit 2010. Ein Grund ist der schwache Ölpreis, das wichtigste Exportgut des Landes. 2016 dürfte die Wirtschaft weiter schrumpfen.


Geld könnte aus Russland kommen



Immerhin zeigt der Verkauf aber auch, dass es offensichtlich Investoren gibt, die Russland harte Devisen leihen. Ein Grund dafür dürfte sein, dass sich der Ölpreis deutlich von den Tiefständen erholt hat und auch der Staatsschatz zuletzt wieder deutlich zugelegt hat. Die von den Märkten taxierte Pleitewahrscheinlichkeit hat sich gegenüber den Höchstständen auf 17 Prozent nahezu halbiert.
Foto: Infografik Die Welt

"Es scheint Interesse von globalen Investoren zu geben", sagte Sergej Strigo, Manager bei Amundi der Agentur Bloomberg. Für viele Anleger dürfte es jedoch schwierig werden, von einer russischen Bank wie VTB die Papiere direkt zu kaufen. "Jeder hat seine eigenen Regeln und man wird sehen, wer kaufen darf und wer nicht."

Andere vermuten, dass Moskau auch hier eine eigene Lösung finden wird. Große russische Banken hätten massive Liquidität in Dollar, die sie dem eigenen Staat auch angesichts der attraktiven Konditionen leihen könnten. Das große Comeback auf der Finanzbühne sieht aber anders aus.

„Viele Chefs tricksen Teilzeitfrauen aus“



Der Arbeitsrechtler Norbert Pflüger im Interview über anzügliche Witze in der Kantine und versteckte Karriere-Benachteiligungen. Und was ist eigentlich mit Umarmungen zum Geburtstag im Büro - sind die erlaubt?



Viele Mütter engagieren sich über die Teilzeit hinaus für ihre Stelle. Doch trotzdem sind Teilzeitfrauen oft nicht gern gesehen.


Herr Pflüger, Macho-Verhalten von Vorgesetzten und Kollegen ärgert viele Frauen im Beruf. Aber können sie auch etwas dagegen unternehmen?

Na klar. Das Arbeitsrecht bietet da viele Möglichkeiten. Viele Frauen wissen aber gar nicht, was ihr gutes Recht ist. Oder sie glauben, dass sie recht haben, es aber niemals beweisen könnten.


Haben Sie da ein Beispiel?

Anzügliche Witze auf Kosten weiblicher Kolleginnen sind nicht einfach nur daneben, sondern oft genug eine handfeste Beleidigung. Eigentlich immer dann, wenn sie gewisse Schamgrenzen verletzen. Trotzdem machen viele Frauen gute Miene zum bösen Spiel und lachen einfach mit. Dabei könnten sie dagegen vorgehen: Den Chef informieren, denn der kann rücksichtslosen Scherzkeksen eine Abmahnung erteilen. Wegen des Antidiskriminierungsgesetzes ist er jedenfalls zum Handeln gezwungen.

Oft ist die Lage weniger deutlich - manchen Frauen werden ganz subtil Steine in den Weg gelegt, zum Beispiel wenn es um den beruflichen Aufstieg geht.


Fachanwalt für Arbeitsrecht in Frankfurt.

Das ist in der Tat kniffelig. Denn Arbeitsverträge enthalten kein Recht auf Beförderung. Wer wann wie aufsteigt ist nirgendwo festgeschrieben. Aber natürlich ist es trotzdem diskriminierend, wenn bei gleicher Qualifikation immer nur die Männer vorgezogen werden.

Was kann ich als Frau tun, wenn ich das Gefühl habe, dass das passiert?

Aus Statistiken über Beförderungen im Unternehmen lässt sich oft herauslesen, ob Frauen systematisch leer ausgehen. Eine einzelne Arbeitnehmerin, die sich benachteiligt fühlt, hat allerdings kein Recht, solche Zahlen von ihrem Unternehmen anzufordern. Aber sie kann immerhin zum Betriebsrat gehen. Der kann sich die entsprechenden Informationen beschaffen - und der Kollegin zur Verfügung stellen.

Gilt das auch, wenn eine Frau glaubt, dass sie schlechter bezahlt wird als ihre männlichen Kollegen?



Auf jeden Fall. Der Betriebsrat kann vom Arbeitgeber Auskunft über die tatsächliche Bezahlung der Beschäftigten verlangen.

Viele Mütter arbeiten in Teilzeit, und darüber sind viele Arbeitgeber wenig begeistert. Dürfen sie die Teilzeitfrauen einfach schlechter bezahlen?

Nein, das ist verboten. Das Gehalt muss immer prozentual zur Arbeitszeit reduziert werden.

Aber einfach die Teilzeit verweigern darf der Chef ja auch nicht, oder?

Nur aus dringenden betrieblichen Gründen. Trotzdem: Viele Chefs tricksen Teilzeitfrauen aus. Ein beliebter Kniff ist es, zu argumentieren, dass die Tätigkeit der Frau in Teilzeit nicht mehr ausführbar ist. Gerade bei Führungspositionen versuchen Chefs das immer wieder. Und dann steht die Mitarbeiterin vor der Wahl: Entweder Vollzeit arbeiten oder eine unattraktivere Position annehmen.

Welche Tricks versuchen Chefs in Bewerbungsgesprächen?

Da gibt es eine ganze Reihe verbotener Fragen. Die zu kennen ist für Bewerberinnen wirklich wichtig. Denn wenn sie gestellt werden, darf man lügen. Oder auf Juristendeutsch gesagt: Eine Falschantwort gilt dann nicht als arglistige Täuschung.

Welche Fragen sind das?

Die Frage nach einer Schwangerschaft zum Beispiel. Die darf man noch nicht mal stellen, wenn im Falle einer Schwangerschaft ein Beschäftigungsverbot bestehen würde. Man darf sich ganz generell nicht nach der Familienplanung erkundigen. Und auch nicht nach dem Familienstand. Der Chef darf auch nicht fragen: Wer soll denn die Kinder hüten? Denn damit würde er suggerieren, dass die Doppelbelastung von Beruf und Familie Frauen eher betrifft als Männer.

Aber was, wenn eine Frau in solch einer Situation lügt? Eine Schwangerschaft oder auch nur eine fehlende Kinderbetreuung - das kommt doch irgendwann raus. Dann ist das Verhältnis von Chef und Arbeitnehmerin sofort zerrüttet…

Stimmt schon, wenn es erst mal so weit kommt, hängt der Haussegen schief. Aber das Ganze soll die Frauen ja eigentlich davor schützen, dass diese Fragen überhaupt gestellt werden. Und oft genug funktioniert das. Denn auch der Fragensteller will es ja in der Regel nicht darauf ankommen lassen, ob die Bewerberin sich traut, zu lügen.

Manch männlicher Chef ist von den vielen Regeln gegen Diskriminierung verwirrt. Darf man zum Beispiel eine Mitarbeiterin zum Geburtstag umarmen? Oder ist das schon sexuelle Belästigung?

So eine Umarmung ist völlig okay, wenn das im Betrieb so üblich ist. Da muss man dann schauen, wie die Unternehmenskultur ist, welche Gepflogenheiten in der jeweiligen Abteilung herrschen und so weiter. Verhaltensweisen von Menschen stehen ja immer in einem Kontext. Wenn aber eine Frau deutlich gemacht hat, dass sie keine Berührungen wünscht, dann ist das eine ganz andere Kiste. Mit gesundem Menschenverstand kann man relativ leicht ein gutes Gefühl dafür entwickeln, wie viel Körperkontakt am jeweiligen Arbeitsplatz in Ordnung ist und was zu viel wäre.

Daten von 167 Millionen Nutzerkonten online aufgetaucht



Ein Hacker bietet offenbar Millionen LinkedIn-Benutzerdaten online an. Für die Nutzer besteht dringend Handlungsbedarf. Denn Gefahr droht für sie auch an anderer Stelle.



Abermals sind Millionen Nutzerdaten von LinkedIn online aufgetaucht. Ein Hacker, der sich „Peace“ nennt, soll laut Informationen der Onlineseite„Motherboard“ Passwörter, E-Mail-Adressen und andere Daten von LinkedIn-Nutzern in verschlüsselter Form auf einer Schwarzmarktseite anbieten. Dafür verlange er fünf Bitcoin, das entspricht in etwa 2000 Euro. Bitcoin ist eine Internetwährung, die nicht an Banken oder Staaten gekoppelt ist und nur online existiert.


Die neu aufgetauchten Daten lassen laut „Motherboard“ darauf schließen, dass bei einem Datenleck des Karrierenetzwerks im Jahr 2012 nur ein Bruchteil der geklauten Informationen online gelandet ist. Die Onlineseite zitierte „LeakedSource“, eine Suchplattform für gehackte Daten, die 167 Millionen LinkedIn-Accounts aus dem Leck erhalten haben will.


LinkedIn Nutzer sollen ihre Passwörter ändern

„Motherboard“ zitierte zudem einen Sicherheitsforscher, dem laut eigenen Angaben mehrere Opfer des Datenlecks die Echtheit der gehackten LinkedIn Zugangsdaten bestätigten. Die Sicherheitsabteilung des Karrierenetzwerks prüfe derzeit noch, ob es sich tatsächlich um Passwörter und E-Mail-Adressen ihrer Nutzer handelt. Trotzdem wird den insgesamt 433 Millionen Benutzern dringend empfohlen, ihre Passwörter zu ändern – besonders, wenn sie diese auch für andere Netzwerke und Internetseiten verwenden. Letzteres würde nämlich bedeuten, dass die Hacker noch Zugriff auf weitere Plattformen hätten.

Bereits 2012 tauchten rund 6,5 Millionen verschlüsselte Passwörter von LinkedIn Benutzern online auf – wie groß die geklaute Datenmenge wirklich war, teilte das Netzwerk damals nicht mit. „Wir wussten selbst nicht, wie viel geklaut wurde“, sagte ein Sprecher von LinkedIn nun „Motherboard“. Eines scheint jedoch gewiss: Die Menge der betroffenen Accounts ist dieses Mal viel größer. Im schlimmsten Fall dürften es 25 Mal so viele Nutzer sein. Zu rund 117 Millionen Accounts will „LeakedSource“ sowohl E-Mail-Adressen als auch Passwörter erhalten haben.

Polizist im Fall Freddie Gray freigesprochen



Gut ein Jahr nach dem Tod des Schwarzen Freddie Gray in Polizeigewahrsam ist ein Polizist in Baltimore freigesprochen worden. Der 30 Jahre alte Edward Nero war wegen Körperverletzung, grob fahrlässiger Gefährdung und Amtsvergehen angeklagt worden. Ein Gericht befand ihn am Montag für nicht schuldig.

Es ist das erste Urteil in dem Fall. Der 25 Jahre alte Gray hatte im April 2015 nach seiner Festnahme im Polizeigewahrsam schwere Rückenverletzungen erlitten, war ins Koma gefallen und eine Woche später gestorben. Sein Tod löste in der Ostküstenmetropole tagelange Proteste und schwere Unruhen aus.


Nero war einer von drei Polizisten einer Fahrradstaffel, die Gray verfolgt und festgenommen hatten. Auf einem Video, das Augenzeugen aufgenommen haben, ist zu sehen, wie zwei Polizisten ihn am Boden festhalten und Gray offensichtlich unter Schmerzen schreit. Anschließend tragen sie ihn in einen Polizeitransporter. Die Beamten erklärten, Gray habe ein Klappmesser bei sich gehabt.


Die Staatsanwaltschaft warf dem Weißen Nero vor, Gray ohne Grund festgenommen und ihn in den Wagen gelegt zu haben, ohne ihn anzuschnallen. Der Richter Barry Williams erklärte am Montag, es gebe keine glaubwürdigen Beweise dafür, dass Nero direkt an der Festnahme beteiligt war.
Verfahren gegen sechs Polizisten

Insgesamt müssen sich in dem Fall sechs Polizisten in getrennten Verfahren verantworten. Ein erster Prozess gegen den Beamten William Porter hatte im vergangenen November begonnen. Weil die zwölfköpfige Jury sich aber über drei Tage nicht darauf einigen konnte, ob Porter schuldig ist, muss das Verfahren gegen ihn neu aufgerollt werden.

Nero hatte sich gegen ein Geschworenenverfahren entschieden. Der Richter in seinem Prozess war ein Schwarzer.



Ein Demonstrant im Gerichtsgebäude in Baltimore. In der Stadt hatte es nach dem Tod von Freddie Gray heftige Ausschreitungen gegeben.

Die Bürgermeisterin von Baltimore, Stephanie Rawlings-Blake, rief nach dem Urteil dazu auf, Ruhe zu bewahren. „Das ist unser amerikanisches Rechtssystem und Polizisten müssen sich in dem selben Rechtssystem verantworten wie jeder andere Bürger in dieser Stadt, diesem Staat und diesem Land“, erklärte sie. Nun da das Verfahren gegen Nero abgeschlossen sei, erwarte ihn eine interne Überprüfung. „Falls es in der Stadt zu Unruhen kommt, sind wir vorbereitet.“

Schon einmal gab sich Wiens Demokratie selbst auf




Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (1892–1934) nutzte die "Selbstausschaltung des Parlaments" und installierte einen autoritären Ständestaa


Der Anlass war marginal. In drei Raten statt auf einmal wollten die Österreichischen Bundesbahnen ihren Angestellten die Märzgehälter 1933 auszahlen. Die Geschäftsführung war zu klamm, um die Mitarbeiter des größten Staatskonzerns auf einmal zu entlohnen. Es kam zu Streiks, die teilweise auf Weisung des Kabinetts unter Bundeskanzler Engelbert Dollfuß brutal beendet wurden.

Die Konfrontation hatte das Potenzial zu einer Sternstunde des Parlamentarismus in Österreich: Die Abgeordneten des Nationalrates hätten die Regierung in die Schranken weisen, die Krise konstruktiv lösen und damit ihrer Aufgabe als Volksvertreter Ehre machen können. Doch am 4. März 1933 trat das Gegenteil ein.

Zwar gab es im Nationalrat genannten Parlament rechnerisch eine deutliche Mehrheit aus Sozialdemokratie (72 Mandate) und der nationalliberalen, allerdings antisemitischen Großdeutschen Partei (19 Mandate). Dollfuß' Unterstützer von den klerikal-konservativen Christsozialen verfügten dagegen nur über 66, der verbündete reaktionäre Heimatblock stellte acht Abgeordnete. Doch alle vier Fraktionen waren untereinander und teilweise auch in sich heftig zerstritten.

So kam es, dass zuerst die weitgehenden Forderungen der SPÖ an die Regierung zur Lösung des Bahnstreiks mit deutlicher Mehrheit abgelehnt wurden. Dagegen fand die moderatere Kritik der Großdeutschen Partei in der namentlichen Abstimmung eine knappe Mehrheit von 82 zu 79 Stimmen.


i"Es ist unmöglich, das Präsidium zu führen": Nationalratspräsident Karl Renner (1870–1950)

Sollte nun noch über den entgegengesetzten Antrag der Christsozialen abgestimmt werden? Falls auch er eine Mehrheit finden sollte, würde sich die Regierung aussuchen können, welcher Aufforderung des Parlaments sie Folge leisten wollte.

Ein Stunde lang stritten die Parlamentarier über Geschäftsordnungsfragen. Dann stellte sich zusätzlich heraus, dass falsch ausgezählt worden war und die Mehrheit für den Antrag der Großdeutschen nur 81 zu 80 Stimmen betrug.

In dieser unübersichtlichen Situation versagte Österreichs Demokratie zum ersten Mal grundsätzlich. Denn Nationalratspräsident Karl Renner (SPÖ) warf hin, statt sich seiner politischen Verantwortung zu stellen.

Von der christsozialen Fraktion kam heftiger Widerspruch gegen Renners Feststellung, dass der Antrag der Großdeutschen angenommen sei und über die dritte Eingabe nicht mehr abgestimmt werden solle. Das Protokoll der turbulenten Sitzung verzeichnete "lebhaften Widerspruch rechts", also bei den Dollfuß-Unterstützern, Gegenrufe von links sowie "anhaltende Unruhe" und "Lärm".

Renner verkündete: "Die Sache ist für mich erledigt!" – ein Fehler. Denn nun steigerten sich die Zwischenrufe, es herrschte "großer Lärm" im Sitzungssaal des Nationalrates am Wiener Ring. Der Sozialdemokrat, der 1919/20 selbst Regierungschef gewesen war, beging einen zweiten, entscheidenden Fehler: "Meine Herren, es ist unmöglich, das Präsidium zu führen, wenn ein so großer Teil des Hauses den Entscheidungen des Präsidiums widerspricht!", klagte er: "Ich werde das nicht auf mich nehmen. Ich lege meine Stelle als Präsident nieder!"




Seltsamerweise reagierte die SPÖ-Fraktion auf diesen Rückzug ihres Mitglieds, immerhin zweithöchster Repräsentant Österreichs, mit stürmischem Beifall. Denn automatisch übernahm sein Vize Rudolf Ramek, der zweite Präsident des Nationalrates, die Position Renners. Er war ein Christsozialer und von 1924 bis 1926 Bundeskanzler gewesen.

Ramek erklärte das Votum zugunsten des Antrags der Großdeutschen Partei umgehend für ungültig und wollte über den dritten Antrag abstimmen lassen, den seiner Partei. Nun kam lautstarker Widerspruch von links – und auch Ramek trat zurück.

Der dritte Präsident musste übernehmen, Sepp Straffner von den Großdeutschen. Doch er sagte nur: "Hohes Haus! Da sich das Haus über die Streitfälle, die das Haus aufgrund der Abstimmungen eben beschäftigen, nicht einigen kann, bin ich nicht in der Lage, die Sitzung des Hauses weiterzuführen, und lege ebenfalls meine Stelle als Präsident nieder."

Foto: Gamma-Keystone via Getty ImagesBundeskanzler Engelbert Dollfuß und sein neues Kabinett

Fast alle Abgeordneten jubelten und applaudierten. So starb, am 4. März 1933 um 21.55 Uhr, unter Beifall die Demokratie in Österreich. Denn weil alle drei gewählten Parlamentspräsidenten zurückgetreten waren, konnte niemand mehr formal korrekt zur nächsten Sitzung einberufen.

Die ohnehin antidemokratisch eingestellte Regierung unter Engelbert Dollfuß nutzte die Chance. Als sich der Nationalrat elf Tage später auf Initiative von SPÖ-Abgeordneten wiedertreffen wollte, ließ der stark an Italiens faschistischem Diktator Benito Mussolini orientierte Bundeskanzler die Versammlung von der Polizei auflösen – es gab ja keine formal korrekte Einladung.



Faschismus1922 – Mussolinis Marsch auf Rom

Als "Selbstausschaltung des Parlaments" ist die Episode bekannt geworden. Sie zeigt, dass zerstrittene Demokraten gegen machtbewusste und durchsetzungsfähige Politiker keine Chance haben – umso weniger, wenn diese rund die Hälfte der Wähler hinter sich haben.

Für Österreich wurde der 4. März 1933 zur Zäsur: Zuerst errichtete Dollfuß ein autoritäres neues Herrschaftssystem, den antiparlamentarischen Ständestaat. Dann ließ er im Februar 1934 mit militärischen Mitteln die österreichische Sozialdemokratie zerschlagen. Er selbst fiel am 25. Juli desselben Jahres einem Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten zum Opfer, und sein christsozialer Nachfolger Kurt Schuschnigg konnte die Unabhängigkeit des nun reaktionären Österreichs von Hitler-Deutschland nur noch knapp vier Jahre verteidigen.
Hitler erzwingt den Anschluss Österreichs




Kurt Schuschnigg regiert 1934 bis 1938 als Bundeskanzler Österreich diktatorisch. Im Februar 1938 zwingt Adolf Hitler ihn, den Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart an der Regierung zu beteiligen.Quelle: STUDIO_HH

Ihm brach schließlich eine Volksabstimmung das Genick: Weil er für den 13. März 1938 ein Plebiszit über Österreichs Unabhängigkeit angekündigt hatte, ließ Hitler die Wehrmacht am 11. März die Grenze überschreiten und Österreich besetzen.

Wie die Abstimmung ausgegangen wäre, weiß niemand. Doch die folgende, allerdings nicht mehr freie Volksabstimmung am 10. April 1938 über den Anschluss Österreichs an Deutschland erbrachte 99,73 Prozent Jastimmen.

Ein Wiener Sozialdemokrat schätzte, dass auch in einer wirklich freien Entscheidung wohl vier Fünftel der Österreicher für Hitler gestimmt hätten: Die Menschen waren, nicht zuletzt wegen der Erschöpfung der politischen Parteien und solcher Pleiten wie am 4. März 1933, der Demokratie müde geworden.

Wie Eltern ihre Kinder zu Tyrannen machen



Eltern versagen in der Erziehung, drücken sich vor Führung und Verantwortung. Das Ergebnis sind "Tyrannenkinder". Denn die Kleinen brauchen keine Kumpel als Eltern, sondern eher das Gegenteil.







Heutzutage wollen viele Eltern sich auch nach der Trennung noch gemeinsam um ihre Kinder kümmern. Auch wenn es gut klingt, dass ein Kind mit Mutter und Vater aufwächst - das Modell hat Schattenseiten.Quelle: Die Welt


Und dann hat es geknallt. Nie wird Susanne Matthis* den Blick ihres Sohnes vergessen, ihre Scham, als er mit roter Wange zur Tür rannte. "Ich komm' nie mehr zurück!", brüllte er, während sie versuchte, ihn einzuholen. Wenn die 49-jährige Zahntechnikerin aus einer norddeutschen Kleinstadt von dem Familienfest vor einem Jahr erzählt, bekommt sie noch immer feuchte Augen.

Oskar, damals elf, hatte sich schon den ganzen Tag danebenbenommen. Erst gab er der Gastgeberin nur widerwillig die Hand, dann spielte er während einer Rede demonstrativ mit dem Smartphone. Immer wieder bat die Mutter ihn freundlich flüsternd, doch wenigstens den Ton abzustellen. Oskar rief stattdessen "ihhh Rosenkohl!", als das Hauptgericht serviert wurde. Da machte sie ihrem Ärger Luft, ihrer Wut auf den Sohn, dessen Launen sie schon lange nicht mehr ertragen konnte. Sie weiß, dass es nicht richtig war, zuzuschlagen. "Ich hätte schon viel früher die Bremse ziehen müssen", sagt sie heute.


Hin- und hergerissen zwischen Betreuen und Überbehüten



Matthis ging es wie vielen anderen Müttern und Vätern, die am Ende ihrer Kräfte sind, die die Nerven verlieren, unverhältnismäßig reagieren. Ihre Kinder kennen keine Grenzen mehr, und sie als Eltern wissen nicht, wie sie den tobenden Nachwuchs wieder einfangen sollen. Familienberatungsstellen können sich vor Anfragen kaum retten. Wer bei Amazon unter dem Stichwort "Erziehung" sucht, bekommt knapp 82.000 Buchvorschläge. Eltern sind hin- und hergerissen zwischen den zahllosen Vorstellungen, wie sie erziehen sollen, unsicher, wie sie die Balance halten zwischen Fördern und Überfordern, zwischen Betreuen und Überbehüten.








Auch Pädagogen klagen, dass es schwieriger wird, den richtigen Umgang mit den Schülern zu finden. Eine kürzlich im Auftrag der DAK vom Forsa-Institut durchgeführte Umfrage unter 500 Lehrerinnen und Lehrern kommt zu dem Ergebnis, dass die körperlichen und seelischen Probleme deutscher Grundschüler deutlich zugenommen haben. Neben motorischen Schwächen, Verzögerung der Sprachentwicklung und Übergewicht nannten die Lehrer Konzentrationsschwierigkeiten und sozial auffälliges Verhalten.

Woran liegt das? Sind die Kinder zu renitent oder die Erwachsenen zu schwach? Inzwischen mehren sich die Stimmen, die den Eltern Versagen vorwerfen. In Zeiten fordernder Karrieren, komplizierter Patchworkstrukturen und liberaler Lebensideale fehlten Kraft und Mut für eine Erziehung mit klaren Ansagen. Gerade die, die zu Hause nur Harmonie wollten, bekommen die Quittung – in Gestalt eines quengelnden, tobsüchtigen Kindes, das mit lieben Worten nicht mehr zu erreichen ist.


Wächst eine Generation von Narzissten heran?



Die Wiener Jugendpsychologin Martina Leibovici-Mühlberger stellt in ihrem neuen Buch "Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden" eine düstere Prognose auf. Sie erlebe eine dramatische Zunahme von Verhaltensstörungen, Lustlosigkeit und Leistungsverweigerung. Eine Generation von Narzissten wachse da heran, jenseits von Zucht und Ordnung und weit davon entfernt, die Probleme der Zukunft lösen zu können. Auf die Jugend von heute, so ihre Prophezeiung, können wir nicht zählen.

Der Erziehungsvertrag hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten deutlich verändert



Neben Gesprächen mit Lehrern und Eltern verarbeitet die Psychologin Erfahrungen aus ihrer Praxis. Eine Galerie von Extremfällen: Sie reichen vom verwöhnten Jungschnösel, der alkoholisiert mit dem elterlichen Range Rover einen immensen Sachschaden anrichtet, sich aber unschuldig fühlt, bis zu einer Neunjährigen, die vor dem Schlafengehen noch gestillt werden muss.

Die Beispiele sind dramatisch, die Ursachen ihrer Ansicht nach eindeutig: Eltern erfüllen ihren Erziehungsauftrag nicht mehr. Einerseits geben sie jedem Wunsch nach Konsumgütern nach, überschütten Kinder mit teurem Spielzeug, erziehen sie zu Materialisten und vernachlässigen, worauf es wirklich ankommt: auf Werte wie Teilen, Rücksicht, Respekt. Andererseits setzen sie viel zu wenig Grenzen.

"Der Erziehungsvertrag", sagt Leibovici-Mühlberger, "hat sich in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten deutlich verändert." Die moderne Familie sei ein um das Kind kreisender Kosmos. Kinder sollen sich ungehemmt entfalten können, gelte heute als Ideal. Sie müssten deshalb nicht lernen, sich zu beschränken, sich an die Bedürfnisse anderer anzupassen. Und sie könnten sich darauf verlassen, dass die Erwachsenen ihnen immer zur Seite stehen. Auf die viel beschriebenen "Helikopter-Eltern" folgen die "Tyrannenkinder".


Ist Selbstvertrauen das Wichtigste, was es zu lernen gibt?



Ihre Mütter und Väter wollen es anders machen als die Elterngenerationen vor ihnen. Sie sind verständnisvoll, demokratisch. Das Generationenbarometer, das das Allensbacher Institut für das Forum "Familie stark machen" erstellt hat, verdeutlicht das. So nennen knapp 90 Prozent der befragten Eltern mit Kindern unter 16 Jahren Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen als wichtige Erziehungsziele. 70 Prozent sagen, dass ihre Kinder lernen sollten, sich nicht so leicht unterkriegen zu lassen.

Sich in eine bestimmte Ordnung einzufügen ist nur noch für 38 Prozent der Befragten ein Erziehungsziel. Kaum verwunderlich, dass Kinder immer selbstbewusster werden, dass Lehrer und Erzieher auf starke Persönlichkeiten stoßen und Eltern es immer schwerer haben, sich durchzusetzen. Die Vorstellung, dass Kinder kaum etwas Wichtigeres lernen müssen als Selbstvertrauen und Durchsetzungskraft, hat eben auch ihre Kehrseite. Sie schürt die Angst, durch Grenzensetzen zu schaden. Und deshalb versuchen es viele Eltern gar nicht erst.


Manchmal ist es auch übertriebene Sorge, die Erziehung erschwert. Vor allem bei Eltern, die erst spät ein Kind bekommen haben. Susanne Matthis war 37, als sie endlich schwanger wurde. Sie und ihr drei Jahre älterer Mann Torsten hatten so lange gewartet. Doch schon in der Schwangerschaft war die Furcht, dass etwas schiefgehen könnte, größer als die Freude. Und so blieb es.

"Es war immer krampfig", sagt Susanne, die nach ihrem Ausraster auf dem Fest eine Familienberatung aufgesucht hat. Da war so vieles, was sie und ihr Mann durchaus ahnten: Dass es nicht förderlich war, wenn sie ihrem Kind jedes Hindernis aus dem Weg räumten, dass sie in Panik verfielen, wenn Oskar mit fünf Jahren auf einen Baum klettern wollte oder als Zehnjähriger mit Freunden ins Freibad.


Was bei "Tyrannenkind" Oskar schieflief



"Wir wussten, dass etwas schiefgelaufen ist", sagt die Mutter, "aber erst die Therapeutin hat uns wirklich die Augen geöffnet." Für die Hilflosigkeit, die sie ihm antrainierten. Und dafür, dass sein tyrannisches Verhalten die Antwort auf ihre Vorstellung von einer schönen Kindheit war.

Oskar wurde verwöhnt. Es machte sie glücklich, als er sich über das Fahrrad mit dem Tigerentenmuster freute, sie gaben nach, als der Vierjährige nur wenige Tage später ein ferngesteuertes Auto haben wollte. Es dauerte nicht lange, bis er anfing, den Eltern das Leben zur Hölle zu machen, wenn er nicht bekam, was er wollte.

„Unsere Therapeutin brachte es ziemlich krass auf den Punkt. Sie nannte Oskar ein Opfer unserer falsch verstandenen Liebe.“

Matthis’ Mutter







Er schrie und weinte – bis sie irgendwann so genervt waren, dass sie ihm die verlangte Schokolade kauften oder erlaubten, noch länger fernzusehen. Die als Gegenleistung abgerungenen Versprechen – "dafür gibt es morgen aber nichts Süßes!" – hätten sie sich sparen können. Oskar hatte gelernt, dass er sie nur lange genug terrorisieren musste, bis passierte, was er wollte. "Unsere Therapeutin brachte es ziemlich krass auf den Punkt", sagt Matthis. "Sie nannte Oskar ein Opfer unserer falsch verstandenen Liebe."

Seit dieser Erkenntnis arbeiten sie und ihr Mann daran, viel öfter Nein zu sagen. Leicht falle es ihnen nicht, aber die Erfahrung, dass sich Oskar nach einiger Zeit auch wieder beruhige und er tatsächlich umgänglicher werde, helfe ihnen, konsequent zu bleiben.


"Eltern müssen Leitwölfe sein", sagt Jesper Juul



Für den dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautor zahlreicher Erziehungsbücher Jesper Juul ist Neinsagen ein Liebesdienst. Eltern, die so gut wie nie Nein sagten oder erst Nein und dann doch Ja, nähmen dem Kind die Möglichkeit, Empathie zu entwickeln, die Grenzen des Gegenübers zu akzeptieren.

Sagten Eltern Ja, obwohl sie Nein meinten, hinterlasse das bei dem Kind das Gefühl, belogen worden zu sein. Berechenbar zu sein, sei wichtiger, als es zufriedenzustellen. Wie sonst soll es sich auf die vielen Neins vorbereiten, die es in seinem Leben noch zu hören bekommen wird? Von Kindern, die nicht mit ihm spielen wollen, von Lehrern, die mit seiner Leistung nicht zufrieden sind, von der ersten Liebe, die seine Gefühle nicht erwidert?



Juul fordert eine zeitgemäße Autorität. "Eltern müssen Leitwölfe sein", schreibt er in seinem neuen Ratgeber zu "liebevoller Führung in der Familie". Er beobachtet, dass Eltern sich immer weniger trauen, diese Führung zu übernehmen, weil sie Angst davor haben, sich unbeliebt zu machen – oder weil sie zu bequemlich sind. Juul warnt davor, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen. Das verunsichere die Kinder. Je klarer etwa am Morgen die Strukturen und Regeln seien, wenn es darum gehe, sich für den Weg in den Kindergarten fertig zu machen, umso geringer sei die Gefahr, dass Konflikte entstünden. Mangelnde Führung fördere Frustrationen ebenso wie tyrannisches Verhalten.

Wie sehr sich Kinder selbst nach Regeln sehnen, zeigt die Studie des KölnerRheingold-Instituts, das im vergangenen Jahr im Auftrag des "Sterns" Mädchen und Jungen zwischen acht und 15 Jahren zu ihren Lebenswelten befragt hat. Demnach wünschen sich Kinder und Heranwachsende von ihren Eltern mehr Klarheit und weniger Kumpelhaftigkeit. Feste Uhrzeiten, verbindliche Ansagen, Werte, nach denen sie sich richten können. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihre von der Arbeit geschafften Eltern häufig als launisch empfinden, schwankend zwischen zu streng und zu nachgiebig.


"Mein Kind ist so wütend. Was kann ich tun?"



Wie kann das im Alltag funktionieren, Regeln durchzusetzen, ohne in alte autoritäre Muster zu verfallen? "Eltern sollen nicht einfach nur die Bestimmerrolle einnehmen", sagt der Berliner Familientherapeut Mathias Thimm von der "Familienwerkstatt familylab", die im ganzen Land Seminare anbietet. Eine häufige Frage, mit der Eltern zu ihm kämen, sei: "Mein Kind ist so wütend. Was kann ich tun?" Thimm fragt dann zurück, welche Funktion die Wut haben könnte. "Manches Kind weiß, es muss nur schreien und bekommt alles, was es will. In der Wut kann aber auch Frustration stecken. Wenn ich zum Beispiel ständig übersehen werde, kann sich das in Wut äußern."

Ich merke, du willst das nicht, ich kann deine Wut verstehen. Und trotzdem entscheide ich jetzt so

Eva Hentschel
Das rät die Familientherapeutin Eltern als Ansprache



Um das herauszufinden, müssten Eltern bewusster mit ihren Kindern reden. Wenn etwa der Sohn wiederholt die Hausaufgaben nicht macht, neigten die meisten zu Vorwürfen: "Schon wieder nicht! Immer bist du so unzuverlässig!" In diesem Fall, sagt Thimm, sei damit zu rechnen, dass er wütend wird. Sie könnten aber auch ruhig fragen: "Was ist das Problem? Wie stellst du dir vor, wie es morgen in der Schule ist? Brauchst du Unterstützung?" Dann werde er wahrscheinlich nicht aggressiv reagieren, weil er sich ernst genommen fühlt.

"Kindern geht es immer am besten, wenn ich authentisch bin", sagt Eva Hentschel, Familientherapeutin aus Kleinmachnow bei Berlin. Die wichtigste Voraussetzung für eine gesunde Führung sei, dass Eltern erst mal auf sich selbst achteten. Nur dann hätten sie auch die Kraft für eine besonnene Erziehung. "Wichtig ist, wie man über Probleme redet. Nicht manipulativ, nach dem Motto: ,Dann geht es Mami besser', sondern ganz klar: ,Ich will das jetzt so und so. Ich merke, du willst das nicht, ich kann deine Wut verstehen. Und trotzdem entscheide ich jetzt so.'"


Bei Matthis brachte die Feuerwehr den Umschwung



Mehr Verantwortung übernehmen heißt auch für Juul vor allem Entscheidungen treffen für die Kinder, die noch nicht den Überblick besitzen, um zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, nicht fähig sind, vorauszudenken. Erwachsene müssten ihnen diese Kompetenzen erst einmal vorleben.

Dass es im Umgang mit den Kindern wieder viel stärker darum gehen muss, auf sich und seine Intuition zu hören, sich unabhängig von Schuldgefühlen zu machen und dem Druck, perfekte Eltern zu sein, das hat auch Susanne Matthis inzwischen gelernt. Sie und ihr Mann haben sich zu einem Schritt entschieden, von dem sie glauben, dass er der ganzen Familie guttut und Oskar bei der Jugendfeuerwehr angemeldet. Er ist jetzt ein halbes Jahr dabei. Ein Musterknabe ist er nicht geworden. Aber er ist viel ausgeglichener.

Als Matthis mal zu einer Übung ging, um zu schauen, was die da so machen, war sie über den rauen Ton erstaunt, in dem ein Älterer den Kleinen Kommandos erteilte. Ob der nicht ein bisschen barsch zu ihnen sei, hat sie ihren Sohn hinterher gefragt. "Nö", habe Oskar gesagt und gelacht, "ich finde den cool."

* Name von der Redaktion geändert

Die Geschichte Deutschlands

Die Geschichte Deutschlands beginnt nach herkömmlicher Auffassung mit der Entstehung des römisch-deutschen Königtums im 10./11. Jahrhundert, wenngleich sich damit noch lange keine „deutsche Identität“ entwickelte. Die deutsche Sprache ist seit dem 8. Jahrhundert als eigenständige, in eine Vielzahl von Dialekten unterteilte und sich weiterentwickelnde Sprache fassbar. Die Bewohner des Reiches waren vor allem Nachfahren von Germanen und Kelten, im Westen jedoch auch von römischen Siedlern und im Osten von westslawischen Stämmen, den sogenannten Wenden oder Elbslawen.

Das römisch-deutsche Reich entwickelte sich aus dem Ostfrankenreich, das wiederum infolge der Krise des fränkischen Reichs im 9. Jahrhundert entstanden war. Das Herrschergeschlecht der Ottonen konnte im 10. Jahrhundert die westliche („römische“) Kaiserwürde erlangen und legte die Grundlage für das seit dem späten 13. Jahrhundert so genannte Heilige Römische Reich. Ottonen sowie die nachfolgenden Salier und Staufer stützten sich in unterschiedlicher Ausprägung auf die Reichskirche. Die mittelalterlichen römisch-deutschen Kaiser sahen sich in der Tradition des antiken Römischen Reichs (Reichsidee), wobei es wiederholt zu Spannungen zwischen den Universalmächten Kaisertum und Papsttum kam. Bereits gegen Ende der staufischen Dynastie (12./13. Jahrhundert) verlor das Königtum an Macht. Die römisch-deutschen Könige waren aber ohnehin nie absolute Herrscher, vielmehr wurde der Aspekt konsensualer Herrschaft des Königtums im Verbund mit den Großen betont. Im Gegensatz zu den westeuropäischen Monarchien England und Frankreich, entwickelte sich im römisch-deutschen Reich nie eine zentralisierte Reichsherrschaft. Die Macht der vielen Landesherren nahm im Spätmittelalter weiter zu, die Goldene Bulle Karls IV. legte eine kurfürstliche Wahlmonarchie fest. Diese Form einer dezentralisierten Herrschaft, die durchaus auch Vorteile hatte, begründete letztlich die Tradition des deutschen Föderalismus. Im Spätmittelalter kam es außerdem zum Aufstieg des Städtewesens.

Der frühneuzeitliche Staatsbildungsprozess spielte sich insbesondere auf der Ebene der einzelnen Territorien und nur bedingt auf der Ebene des Reiches ab. Reformation, Gegenreformation und Dreißigjähriger Krieg im 16. und 17. Jahrhundert führten über Deutschland hinaus zu veränderten Voraussetzungen im Glauben und Denken, zu demographischen Verschiebungen und zu veränderten politischen Konstellationen. Neben den Habsburgern mit Österreich, die seit dem 15. Jahrhundert fast durchgängig den Kaiser stellten, stiegen die Hohenzollern mit Preußen zur zweiten deutschen Großmacht auf.

Als Folge der Koalitionskriege gegen die Französische Revolution ging das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 unter. Nach der in die Befreiungskriege mündenden Vorherrschaft Napoleons I. über den europäischen Kontinent ergab sich im Zuge restaurativer Bemühungen eine politische Neuordnung in Form des Deutschen Bundes unter gemeinsamer österreichischer und preußischer Führung. Die dagegen gerichteten freiheitlichen Bestrebungen in der Revolution von 1848/49 wurden niedergeschlagen, der auf nationale Einheit Deutschlands gerichtete Impuls dann aber durch das preußische Militär in Kriegen sowohl gegen Österreich als auch gegen Frankreich in die Gründung des Deutschen Kaiserreichs überführt. Sozialgeschichtlich war das 19. und frühe 20. Jahrhundert geprägt von industrieller Revolution und Hochindustrialisierung, einem hohen Bevölkerungswachstum und einem Prozess der Urbanisierung.

Deutsche Weltmachtambitionen im Zeichen des Wilhelminismus trugen im Zeitalter des Imperialismus zur Entstehung des Ersten Weltkriegs bei, der in einer als schmachvoll empfundenen deutschen Niederlage endete. Die Revolution 1918/19 brachte mit der Weimarer Republik erstmals ein demokratisch verfasstes deutsches Gemeinwesen hervor, das allerdings dauerhafte politische Stabilität nicht erlangte, sondern 1933 in die nationalsozialistische Diktatur überging. Die damit von Anbeginn einhergehende gewalttätige Unterdrückung aller Regimegegner im Inneren und planvoll betriebene Expansionspolitik nach außen – verbunden mit der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs sowie mit der systematischen Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden – haben die NS-Zeit bis 1945 zum katastrophalen Tiefpunkt der deutschen Geschichte werden lassen.

Nach der Kapitulation der Wehrmacht vollzogen die vier Siegermächte die Aufteilung Deutschlands und Berlins: Eine östliche und drei westliche Besatzungszonen wurden gebildet. Aus den drei Westzonen entstand 1949 die Bundesrepublik Deutschland, aus der sowjetischen Zone die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Die Teilung Deutschlands wurde 1961 mit dem Bau der Berliner Mauer und durch die seitens der DDR militärisch gesicherte und streng bewachte innerdeutsche Grenze zementiert.

Nach der friedlichen Revolution in der DDR, die 1989 das Ende der SED-Diktatur herbeiführte und bei den ersten freien Wahlen zur Volkskammer im März 1990 eine weit überwiegende Mehrheit der Einheitsbefürworter zur Folge hatte, war der Weg frei für Verhandlungen über die deutsche Wiedervereinigung. Die Zustimmung der vier vormaligen Siegermächte zum Vollzug der deutschen Einheit war wesentlich mitbestimmt von der Einbindung der alten Bundesrepublik in den 1951 begonnenen europäischen Integrationsprozess und von der Erwartung, dass die Zusagen bezüglich einer Fortsetzung dieses Kurses auch nach der Erweiterung um die fünf neuen Bundesländer durch das vereinte Deutschland eingehalten würden. Die Bestätigung wurde bei der Einführung des Euro wie auch bei der EU-Osterweiterung von deutscher Seite erbracht.


Heutige Flagge Deutschlands

Lage der Bundesrepublik Deutschland
Inhaltsverzeichnis  [Verbergen]
1 Vorgeschichtliche Zeit
2 Ethnogenese
3 Antike
4 Mittelalter
4.1 Voraussetzungen
4.2 Frühmittelalter
4.2.1 Merowinger (um 500–751)
4.2.2 Karolinger (751–911)
4.2.3 Ottonen (919–1024)
4.3 Hochmittelalter
4.3.1 Salier (1024–1125)
4.3.2 Staufer (1138–1254)
4.4 Spätmittelalter
4.4.1 Interregnum und beginnendes Hausmachtkönigtum (1254–1313)
4.4.2 Ludwig IV. der Bayer und Karl IV. (1314–1378)
4.4.3 Beginnender Aufstieg Habsburgs (1378–1493)
5 Frühe Neuzeit
5.1 Maximilian I. (1486–1519)
5.2 Reformation und Gegenreformation (1517–1618)
5.3 Dreißigjähriger Krieg (1618–1648)
5.4 Absolutismus (1648–1789)
6 Das „lange 19. Jahrhundert“ (1789–1914)
6.1 Vom Ende des Alten Reiches bis zum Scheitern Napoleons I.
6.2 Deutscher Bund und „Heilige Allianz“ (ab 1815)
6.3 Vormärz und Revolution 1848/49
6.4 Industrialisierung und preußisch-österreichischer Dualismus (1850–1866)
6.5 Norddeutscher Bund und Kaiserreich im Zeichen Bismarcks (1866–1890)
6.6 Wirtschaftspotenz und Weltmachtstreben (1890–1914)
7 Das „kurze 20. Jahrhundert“ – vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Ost-West-Konflikts
7.1 Erster Weltkrieg (1914–1918)
7.2 Weimarer Republik (1918/19–1933)
7.3 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (1933–1945)
7.4 Das geteilte Deutschland (1945–1990)
7.4.1 Besatzungszeit (ab 1945)
7.4.2 Bundesrepublik Deutschland (1949–1990)
7.4.3 Deutsche Demokratische Republik (1949–1990)
8 Vereintes Deutschland seit 1990
9 Quellensammlungen
10 Literatur
10.1 Einführende Überblicke
10.2 Vertiefende Überblickswerke
10.3 Antike
10.4 Mittelalter
10.5 Frühe Neuzeit
10.6 Neuzeit
11 Weblinks
12 Anmerkungen
Vorgeschichtliche Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 35.000 bis 40.000 Jahre alte Venus vom Hohlen Fels, die älteste gesicherte Darstellung eines Menschen (Original)
Der älteste Nachweis von Vertretern der Gattung Homo auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik ist der zwischen 500.000 und 600.000 Jahre alte Unterkiefer von Mauer, des Typusexemplars von Homo heidelbergensis. Etwas jüngere Funde stammen vom Fundplatz Bilzingsleben sowie von Homo steinheimensis; bekannte Funde sind schließlich auch die Schöninger Speere. Aus Homo heidelbergensis ging vor 130.000 Jahren der Neandertaler (Homo neanderthalensis) hervor, der – sofern die klimatischen Bedingungen es zuließen – nahezu 100.000 Jahre lang auch in Deutschland lebte. Da Deutschland während der letzten Phase der Eiszeit zur Kältesteppe (Tundra) wurde und die polare Vereisung bis ins nördliche Niedersachsen vordrang, dürfte Deutschland während des mittleren Aurignacien bis weit in das Mittelpaläolithikum hinein so gut wie unbewohnt gewesen sein, Spuren menschlicher Besiedlung fehlen für sehr lange Zeit.


Die circa 14.000 Jahre alten sterblichen Überreste der 20- bis 25-jährigen Frau und des etwa 50 Jahre alten Mannes aus dem Doppelgrab von Oberkassel
Spuren des zugewanderten modernen Menschen (Homo sapiens der Cro-Magnon-Epoche) wurden in den Höhlen der Schwäbischen Alb gefunden, etwa die 35.000 bis 40.000 Jahre alte Venus vom Hohlen Fels, die älteste gesicherte Darstellung eines Menschen. Die ältesten Überreste des Homo sapiens fanden 1914 Steinbrucharbeiter im Rheinland: das etwa 14.000 Jahre alte Doppelgrab von Oberkassel.

Jäger und Sammler stellten um 5800/5600 v. Chr. bereits Keramikgefäße her, bevor sie zwischen etwa 5500 und 5000 v. Chr. durch bäuerliche Kulturen abgelöst wurden.[1] In dieser, als Jungsteinzeit bezeichneten Epoche, entwickelten sich Ackerbau, Viehhaltung und feste Siedlungsplätze sowie eine andere Art der Keramik. Das Gebiet des heutigen Deutschland wurde nach- und nebeneinander von der bandkeramischen, der schnurkeramischen und der Glockenbecherkultur besiedelt, die Benennung erfolgte anhand des archäologischen Fundgutes. Die Verwendung von Metallen revolutionierte die technischen Möglichkeiten. Aus der Bronzezeit sind einige Funde erhalten, wie etwa die in Sachsen-Anhalt gefundene Himmelsscheibe von Nebra, eine Metallplatte mit Goldapplikationen, die als älteste Himmelsdarstellung gilt.

Ethnogenese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
In der Bronze- und Eisenzeit bildeten sich in diesen Regionen verschiedene indoeuropäisch sprechende Volksgruppen und Stämme. Diese entstanden aus eingewanderten indoeuropäischen Stämmen bzw. deren Nachfahren, die sich mit den seit Ende der letzten Eiszeit ansässigen „Ureinwohnern“ und auch später fortwährend mit durchziehenden Völkern bzw. Siedlern (Ethnogenese) vermischten. Die Nachfahren der in Nordeuropa und Norddeutschland auf dem Gebiet der Nordischen Bronzekultur siedelnden Gruppen wurden in der Antike von griechischen Geschichtsschreibern als Kelten im Westen oder Skythen im Osten beschrieben. Erst unter römischen Autoren etablierte sich der Begriff Germanen.[2] Die südlichen Teile Deutschlands wurden dagegen von Kulturgruppen besiedelt, die seit der Eisenzeit als Kelten bezeichnet werden können. Die keltische Kultur der Latènezeit wurde um die Zeitenwende zwischen den von Norden her vordringenden Germanen und dem von Süden her expandierenden Römischen Reich aufgerieben.

Während der Ausbreitung des Römischen Reiches bis in die Spätantike siedelten dazu Römer im Raum des heutigen Süd- und Westdeutschland, deren Truppen den Süden und Westen Germaniens entlang der Donau und des Rheins bis etwa ins 5. Jahrhundert besetzten. Die Legionäre stammten aus sehr unterschiedlichen Regionen des Römischen Reiches, wie z. B. Hispanien, Illyrien, Syrien, Gallien, Afrika. In der zivilen Bevölkerung der römischen Provinzen ist eine starke keltische Komponente erkennbar, etwa auf Steindenkmälern und den dadurch erschließbaren Namen. Dies wird bestätigt durch eine Notiz in der (wichtigen, aber auch problematischen) ethnographischen Schrift Germania des Tacitus, der berichtet, dass sich im Dekumatland Leute aus Gallien niederließen.[3]


Gemälde der Varusschlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 nach Christus
Die historisch erfassten germanischen Stämme der frühen römischen Kaiserzeit des ersten Jahrhunderts gliedern sich in drei Kulturgruppen auf: die sogenannten Rhein-Weser-Germanen, die Nordseegermanen und die Elbgermanen. Durch die makropolitischen Einflüsse des andauernden Konflikts mit dem Römischen Reich sowie innergermanische politische, soziale und wirtschaftliche Veränderungen kam es ab dem 2. Jahrhundert aus diesen Kulturgruppen heraus zur (nicht biologisch, sondern als historisch-sozialer Prozess verstandenen) „Entstehungsprozess“ von neuen und größeren Stammesverbänden. Diese Stammesverbände, vor allem die Alamannen oder auch Alemannen,[4] die Bajuwaren, die Franken und die Sachsen wirkten konstituierend für die mittelalterliche Bildung Deutschlands und nominell bis in die Neuzeit als sogenannte „deutsche Volksstämme“, beziehungsweise ihnen wird eine solche Bedeutung beigemessen.

Seit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts verstärkte sich der Druck, den die großen germanischen Stammesverbände der Alamannen und der Franken, die sich in der Germania Magna neu gebildet hatten, auf die Grenzen des Römischen Reiches ausübten. In den Provinzen an Rhein und Donau setzte eine Germanisierung ein, die besonders das römische Heer betraf. Teilweise wurde diese unterstützt durch Ansiedlung germanischer Foederaten auf dem Gebiet des Imperium Romanum.

Während der Völkerwanderung[5] blieben auch Angehörige weiterer Volksgruppen, wie etwa der Sarmaten oder Hunnen, im Gebiet des heutigen Deutschland zurück. Nach der Abwanderung fast aller Germanen aus den Gebieten östlich der Elbe wurden diese von Slawen besiedelt, deren Land erst durch die Ostkolonisation deutscher Zuwanderer vom 11. bis zum 14. Jahrhundert sowie später im Rahmen der Eingliederung ins römisch-deutsche Reich wieder Bestandteil der deutschen Geschichte wurde.

Antike[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Germanische Stämme, darunter wurden zunächst alle rechtsrheinischen ethnischen Gruppen verstanden, um 100 n. Chr. (ohne Skandinavien)
Um 500 v. Chr. war der Raum des heutigen Süddeutschland keltisch und derjenige des heutigen Norddeutschland germanisch besiedelt. Erste Erwähnung finden einige keltische und germanische Stämme bei den Griechen und Römern, beginnend wohl mit Poseidonios im 1. Jahrhundert v. Chr., in der folgenden Zeit unter anderem bei Caesar und Tacitus. Die Germanen selbst waren jedoch eine uneinheitliche Gruppe von verschiedenen Stämmen, die auch kein übergeordnetes Gemeinschaftsgefühl verband. Bereits der Begriff „Germanen“ (lateinisch Germani) ist ein ethnographischer, wenig präziser Sammelbegriff antiker Autoren, die damit auch ein „Barbarenbild“ verbanden.[6] „Germanen“ darf aus methodischen Gründen daher nicht als Begriff für ein einheitliches Volk missverstanden werden.[7]

Die Germanen wanderten im Laufe der Jahrhunderte südwärts, sodass um Christi Geburt die Donau die ungefähre Siedlungsgrenze zwischen Kelten und Germanen war. Hierdurch gelangten keltische Orts- und Gewässernamen sowie keltische Lehnwörter in den germanischen Wortschatz. Nach der Eroberung Galliens durch Caesar im Gallischen Krieg wurden in der Regierungszeit des ersten römischen Kaisers Augustus Feldzüge im rechtsrheinischen Raum durchgeführt, wenngleich nach der Varusschlacht die Römer ihre Truppen schließlich wieder an den Rhein zurückverlegten und es seit Tiberius bei einzelnen Militäroperationen beließen. Von etwa 50 v. Chr. bis ins frühe 5. Jahrhundert n. Chr. gehörten die Gebiete westlich des Rheins und südlich der Donau zum Römischen Reich, von etwa 80 bis 260 n. Chr. auch ein Teil Hessens (Wetterau) sowie der größte Teil des heutigen Baden-Württemberg südlich des Limes. Die römischen Gebiete im heutigen Deutschland verteilten sich auf die Provinzen Germania superior, Germania inferior und Raetia. Auf die Römer gehen Städte wie Trier, Köln, Bonn, Worms und Augsburg zurück, die zu den ältesten Städten Deutschlands zählen. Die Römer führten Neuerungen in Hausbau und Handwerk ein. Zur Sicherung der Grenzen siedelten die Römer befreundete germanische Stämme in den Provinzen an. Auch Siedler aus allen Teilen des Römischen Reiches, insbesondere aus Italien, wanderten ein und wurden westlich des Rheins und südlich der Donau sesshaft. Eine erste Geschichte Gesamtgermaniens lieferte im Jahr 98 der römische Geschichtsschreiber Tacitus.

Nachdem bereits Mark Aurel im 2. Jahrhundert im Verlauf der Markomannenkriege schwere Abwehrkämpfe gegen Germanen zu bestehen hatte, nahm zur Zeit der Reichskrise des 3. Jahrhunderts der germanische Druck auf die römische Nordgrenze beträchtlich zu, während gleichzeitig im Osten das neupersische Sassanidenreich die römische Ostgrenze bedrohte. Die neuformierten tribalen Großverbände der Alamannen und Goten unternahmen immer wieder Einfälle in das Imperium, das um die Mitte des 3. Jahrhunderts den Höhepunkt der Krise durchlief.[8] Zwar errangen römische Truppen wohl 235 in einem Feldzug des Maximinus Thrax im Harzgebiet noch einen Sieg,[9] doch 259/60 mussten die rechtsrheinischen Gebiete aufgegeben werden (Limesfall). Ende des 3. Jahrhunderts hatte sich die Lage für das Imperium wieder stabilisiert, vor allem aufgrund der Reformen Diokletians und Konstantins, die außerdem erfolgreich die Grenzen sicherten. Dennoch kam es im Verlauf der Spätantike immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen.[10]


Die Ausdehnung des Frankenreichs 481 bis 814
Nach dem um 375 erfolgten Einfall der Hunnen nach Ostmitteleuropa änderte sich die Lage grundlegend. Die sogenannte Völkerwanderung, die im 5. Jahrhundert ihren Höhe- und im späten 6. Jahrhundert ihren Schlusspunkt fand, brachte die Völkerschaften im Osten, insbesondere die Germanen, in Bewegung und spätestens nach dem Rheinübergang von 406 das weströmische Reich in erhebliche Bedrängnis.[11] Germanen stießen auf weströmisches Territorium vor und ergriffen schließlich von weiten Teilen des Westreiches (meistens mit Gewalt, teilweise aber auch durch Verträge) Besitz. Das Westreich war im Jahr 476, als der letzte Kaiser im Westen, Romulus Augustulus, abgesetzt wurde, faktisch auf Italien zusammengeschmolzen. Allerdings sind mehrere Aspekte der Völkerwanderung in der modernen Forschung umstritten. Die auf römisches Gebiet eingewanderten germanischen Stämme (die ethnisch oft recht heterogen zusammengesetzt waren) zogen bis nach Nordafrika und errichteten eigene Reiche. Das Vandalenreich in Nordafrika, das Burgundenreich in Südostgallien und das Ostgotenreich in Italien gingen bereits im 6. Jahrhundert unter, während das Westgotenreich in Hispanien und das Reich der Langobarden in Italien (wo diese 568 eingefallen waren) bis ins 8. Jahrhundert bestehen blieben. Am dauerhaftesten und bedeutendsten sollte sich das um 500 errichtete Frankenreich der Merowinger erweisen. Daneben existierten teilweise bis ins 6. Jahrhundert zahlreiche kleinere Herrschaftsgebilde, wie die der Heruler, Rugier und Gepiden, während die um die Mitte des 5. Jahrhunderts in Britannien eingedrungenen Angelsachsen mehrere Kleinreiche gründeten, bevor sich dort im 7. Jahrhundert eine dauerhaftere Herrschaftsordnung etablierte (Heptarchie).

Mittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
→ Hauptartikel: Deutschland im Mittelalter
Voraussetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
In der historischen Forschung ist bis heute umstritten, ab wann von Deutschland und ab wann vom deutschen Volk gesprochen werden kann. In der älteren, stark national geprägten Forschung wurde die Gleichsetzung von Germanen mit den Deutschen im mittelalterlichen Reich postuliert. Dieser Ansatz ist sehr problematisch und wird in der neueren Forschung abgelehnt,[12] denn es wird dabei auch eine bewusste Eigenidentität vorausgesetzt. In der modernen Forschung wird der Prozess der Ethnogenese hingegen viel weniger als biologischer und eher als sozialer Prozess verstanden. Hinzu kommt, dass eine Sprachgemeinschaft nicht einfach mit einer ethnischen Gemeinschaft gleichgesetzt werden kann.[13] Die Auswertung der zeitgenössischen Quellen ergibt denn auch nicht das Bild von „deutschen Stämmen“, die sich im 9. Jahrhundert bewusst in einem eigenen Reich (dem Ostfrankenreich) zusammengeschlossen haben. Als Orientierungspunkt diente vielmehr bis weit ins 11. Jahrhundert hinein das Frankenreich.[14] Erst im 11. Jahrhundert taucht der Begriff rex Teutonicorum („König der Deutschen“) für den ostfränkischen/römisch-deutschen Herrscher auf, allerdings als Fremdbezeichnung durch anti-kaiserliche Kreise, denn die römisch-deutschen Herrscher haben sich selbst nie so bezeichnet. Für die mittelalterlichen römisch-deutschen Herrscher waren die deutschsprachigen Gebiete ein wichtiger Teil des Reiches, das aber daneben auch Reichsitalien und das Königreich Burgund umfasste. Aufgrund der Reichsidee, die die Anknüpfung an das antike Römerreich und eine heilsgeschichte Komponente beinhaltete, war der damit einhergehende Herrschaftsanspruch nicht national, sondern (zumindest theoretisch) universal ausgerichtet.[15] In der folgenden Zeit diente als loser politischer Rahmen das Reich, als verbindende kulturelle Komponente die deutsche Sprache.

Frühmittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
In die ehemaligen Siedlungsgebiete germanischer Stämme, die von diesen im Verlauf der Völkerwanderung verlassen worden waren, wanderten im 7. Jahrhundert bis zur Elbe-Saale-Linie slawische Gruppen ein. Fast im gesamten Raum östlich der Elbe wurde daher vom Frühmittelalter bis ins hohe Mittelalter slawisch gesprochen (Germania Slavica), in der Lausitz leben bis heute die slawischen Sorben.

Merowinger (um 500–751)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Ein beträchtlicher Teil West- (im Wesentlichen das ehemals römische Gallien) und Teile des westlichen Mitteleuropas wurden ab dem frühen 6. Jahrhundert vom Frankenreich eingenommen, das heutige nordwestliche Deutschland wurde von den Sachsen beherrscht. Das Frankenreich war von den Merowingern gegründet worden und sollte sich als das bedeutendste germanisch-romanische Nachfolgereich des untergegangenen Weströmischen Reichs erweisen. Childerich I. hatte dafür die Grundlage gelegt, an die sein Sohn Chlodwig I. anknüpfte. Versuche der Merowinger, ihren Herrschaftsbereich östlich des Rheins weiter auszudehnen, hatten einigen Erfolg: Alamannen und Thüringer gerieten bereits im 6. Jahrhundert unter fränkische Vorherrschaft. Interne Machtkämpfe und die zunehmende Macht der Hausmeier verhinderten jedoch, dass sich im Merowingerreich ein starkes zentrales Königtum entwickelte. Dagobert I. konnte das Königtum noch einmal stärken, bevor die Merowinger im späten 7. Jahrhundert (so zumindest die traditionelle Lehrmeinung, allerdings beruhend auf spätere und parteiische Quellen) faktisch von den Karolingern entmachtet wurden, die seit 751 auch die fränkische Königswürde bekleideten.


Die Gebietsaufteilung im Vertrag von Verdun (843)
Karolinger (751–911)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Pippin der Jüngere bestieg 751 als erster Karolinger den fränkischen Königsthron. Der bedeutendste Karolinger war Pippins Sohn Karl der Große, der von 768 (allein seit 771) bis 814 regierte und seit 800 sogar die römische Kaiserwürde im Westen erneuern konnte. Karl führte Feldzüge gegen die Sachsen (die erst nach sehr harten und wechselhaft verlaufenden Kämpfen in den Sachsenkriegen besiegt werden konnten), gegen die Langobarden in Italien, die Awaren an der Südostgrenze und gegen die Mauren in Nordspanien, womit er die Grenzen des Frankenreiches erheblich ausdehnte. Kulturell erlebte das Reich ebenfalls einen lebhaften Aufschwung, der als karolingische Bildungsreform (oft auch eher unpräzise als karolingische Renaissance) bezeichnet wird. Das Karlsreich, für das vor allem die Merowinger die Grundlage gelegt hatten, einte das Gebiet des kontinentalen Europa zwischen Atlantik, Pyrenäen, Ostsee und Alpensüdrand. Nach Karls Tod 814 wurde es 843 im Vertrag von Verdun unter seinen Enkeln dreigeteilt. Das Westfrankenreich sollte die Grundlage vor allem für die Entwicklung des Königreichs Frankreich bilden. Das Ostfränkische Reich ist eng mit der Geschichte des (erst im Spätmittelalter so genannten) Heiligen Römischen Reiches verknüpft und stellt faktisch die Keimzelle des späteren Deutschlands dar, ohne aber dass sich in dieser Zeit bereits eine deutsche Identität entwickelt hatte.

Mit der Teilung des Frankenreichs 843 begann sein Zerfall. Der Sohn Karls des Großen, Ludwig der Fromme, konnte dessen Einheit noch wahren. Als Nachfolger bestimmte er seinen ältesten Sohn Lothar I. Dieser bekam das Mittelreich und die Kaiserwürde, Karl der Kahle den Westteil und Ludwig der Deutsche den Ostteil. Nach dem Tod der Söhne Lothars I. wurde das einstige Mittelreich aufgeteilt unter Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen. Nach Ludwigs Tod 876 wurde dann das Ostfränkische Reich unter seinen drei Söhnen Karlmann, Ludwig dem Jüngeren und Karl dem Dicken ebenfalls aufgeteilt. 880 wurde die Grenze zum Westfränkischen Reich festgelegt, die das gesamte Mittelalter beinahe unverändert das Deutsche Reich von Frankreich scheiden sollte. Der ostfränkische König Karl der Dicke konnte nach dem Tod seiner Brüder und des westfränkischen Königs das Fränkische Reich nochmals kurze Zeit vereinigen, wurde aber nach kraftloser Herrschaft im Osten von seinem Neffen Arnulf von Kärnten, einem Sohn Karlmanns, 887 verdrängt. Mit Arnulfs Sohn Ludwig dem Kind starb 911 der letzte ostfränkische Karolinger. Um ihre eigene Macht nicht zu gefährden, wählten die Herzöge den vermeintlich schwachen Frankenherzog Konrad I. zu ihrem König (911–918).

Ottonen (919–1024)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Reich um 1000
Auf Konrad I. (911–918), der die karolingische Tradition nicht bewahren konnte, folgte der Sachsenherzog Heinrich I. aus dem Geschlecht der Liudolfinger („Ottonen“). Das Reich blieb bis zum Ende des Mittelalters geprägt vom Wahlkönigtum und dem Einfluss der Großen. In der neueren Forschung wird zwar die Bedeutung der Ottonenzeit für die Ausformung Ostfrankens betont, sie gilt aber nicht mehr als Beginn der eigentlichen „deutschen“ Geschichte.[16] Der damit verbundene komplexe Prozess zog sich vielmehr mindestens bis ins 11. Jahrhundert hin.[17]

Heinrich I. verteidigte das Reich gegen Einfälle von Ungarn und Slawen. Neben dem fränkischen Erbe trat nun immer mehr eine eigene gemeinsame Identität hervor. Zum Nachfolger bestimmte Heinrich I. seinen Sohn Otto I. Dieser versuchte zuerst, die neu entstandenen Stammesherzogtümer seiner Macht zu unterstellen. Zur Sicherung seiner Macht stütze er sich immer mehr auf die Kirche (Reichskirchensystem). 955 besiegte Otto die Ungarn in der Schlacht auf dem Lechfeld. 950 wurde Böhmen und ab 963 Polen zeitweise lehnsabhängig vom römisch-deutschen Herrscher. Otto erweiterte sein Herrschaftsgebiet um Teile Italiens. Nach der Heirat mit Adelheid von Burgund nannte er sich eine kurze Zeit König der Langobarden. 962 erreichte Otto endgültig seine Anerkennung als König von Italien und danach die Kaiserkrönung durch den Papst. In Süditalien geriet er in Konflikt mit dem byzantinischen Kaiser. Sein Sohn Otto II. heiratete schließlich die Kaisernichte Theophanu, Süditalien verblieb jedoch bei Byzanz. Otto II. erlitt 982 gegen die Sarazenen eine vernichtende Niederlage. Die Gebiete östlich der Elbe (Billunger Mark und die Nordmark) gingen im großen Slawenaufstand größtenteils für etwa 200 Jahre wieder verloren. Sein Sohn Otto III. starb, bevor er seinen Plan verwirklichen konnte, die Machtbasis nach Rom zu verlegen. Auf dem Kongress von Gnesen im Jahre 1000 erkannte er den polnischen Herrscher Boleslaw I. Chrobry als Mitregenten im Reich an. Der letzte Ottonenkönig Heinrich II. hatte sich in mehreren Kriegen gegen Polen (König Boleslaw I. Chrobry) und Ungarn (König Stephan I.) zu behaupten. Unter ihm wurde das Reichskirchensystem weiter ausgebaut.

Hochmittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Salier (1024–1125)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
1024 wählten die deutschen Fürsten den Salier Konrad II. zum König. Er erwarb 1032 das Königreich Burgund und stabilisierte die Königsmacht. Sein Nachfolger Heinrich III. setzte auf der Synode von Sutri drei rivalisierende Päpste ab, ernannte den Reformer Clemens II. zum Papst und ließ sich von ihm 1046 zum Kaiser krönen. Kurz darauf erließ er ein Verbot der Simonie. Gegen Heinrichs selbstbewusste Herrschaftsausübung entstand aber auch eine Opposition im Reich, was der Beginn einer Krise der salischen Monarchie war. Während der Regierungszeit Heinrichs IV. eskalierte der sogenannte Investiturstreit, in dem die Kirchenreformer dem Kaiser Simonie vorwarfen. Heinrich erklärte Papst Gregor VII. für abgesetzt, gleichzeitig formierte sich im deutschen Reichsteil eine Opposition. Nun bannte der Papst den König. Um den Kirchenbann zu lösen, unternahm Heinrich IV. den Gang nach Canossa. 1084 setzte er Papst Gregor wiederum ab und ließ sich in Rom von Gegenpapst Clemens III. zum Kaiser krönen. Sein Sohn Heinrich V. verbündete sich schließlich mit den Fürsten gegen ihn und setzte ihn ab. Ein längerer Krieg wurde durch den Tod des Vaters 1106 verhindert. Unter Heinrich V. kam es 1122 im Wormser Konkordat zum Ausgleich mit der Kirche. Die Machtstellung der salischen Monarchie hatte aber nicht unerheblich gelitten.

Im 11. Jahrhundert etablierte sich regnum teutonicum („Deutsches Königreich“) als Begriff und erhielt im Investiturstreit politische Konturen.[18] Der Begriff wurde jedoch weniger von den römisch-deutschen Königen, die vielmehr stets den universalen Charakter des Reichs betonten, sondern vor allem von dessen politischen Gegenspielern (wie dem Papsttum) eher abwertend benutzt.

Staufer (1138–1254)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Mit Heinrichs Tod endet die Salierzeit und die Fürsten wählten Lothar III. von Supplinburg zum König. Nach dem Tod Lothars 1138 wurde der Staufer Konrad III. König. Dieser erkannte Lothars Schwiegersohn, dem Welfen Heinrich dem Stolzen, dessen Herzogtümer ab. Konrads Nachfolger Friedrich I. („Barbarossa“) versuchte den Ausgleich, indem er den Welfen Heinrich den Löwen 1156 mit den Herzogtümern seines Vaters, Sachsen und Bayern, belehnte. Heinrich der Löwe unterwarf als neuer Lehnsherr von 1147 bis 1164 die Slawen in Mecklenburg und Pommern.


Hildegard von Bingen, Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias, der vor 1179 entstand. Hildegard empfängt göttliche Inspiration, die sie an ihren Schreiber weitergibt. Das Original ist seit 1945 verschollen.
Im Vertrag von Konstanz 1153 erreichte Friedrich I. die Kaiserkrönung, die 1155 erfolgte. Er besiegte anfangs die nach mehr Selbständigkeit strebenden lombardischen Städte, konnte sich aber nicht dauerhaft gegen sie durchsetzen. Als Alexander III. Papst wurde, begann der Kampf zwischen Kaiser und Papst erneut. Nach der Niederlage bei Legnano musste Friedrich Alexander als Papst und den Lombardenbund anerkennen. 1180 entzog Friedrich Heinrich dem Löwen, der seine Italienpolitik nicht mehr unterstützte, dessen Herzogtümer. Am Ende musste Friedrich, der den honor Imperii betonte, politisch mehrere Zugeständnisse an die Großen des Reichs machen. Ab 1187 übernahm Friedrich I. die Führung der Kreuzfahrer. 1190 starb er in Syrien.

Friedrichs Sohn Heinrich VI. wurde dank der Heirat mit der normannischen Prinzessin Konstanze 1194 König von Sizilien. Als Heinrich VI. 1197 starb, kam es zu einer Doppelwahl des Staufers Philipp von Schwaben, des Bruders von Heinrich VI., und des Welfen Otto IV., eines Sohns Heinrichs des Löwen. Nach der Ermordung Philipps 1208 wurde Otto IV. König. Der Papst unterstützte aber wegen Ottos Italienzug den Staufer Friedrich II., den Sohn Heinrichs VI., der 1212 zum Gegenkönig gewählt wurde. 1214 brachte die Schlacht bei Bouvines die Entscheidung für Friedrich, der 1220 die Kaiserkrone erlangte. Friedrich regierte sein Reich von seiner Heimat Sizilien aus, wo er auch über wesentlich mehr politische Macht verfügte als dies im deutschen Reichsteil der Fall war. Die Regierung in Deutschland überließ er seinem Sohn Heinrich. 1235 setzte er statt Heinrich dessen Bruder Konrad IV. ein. Es kam aufgrund der Italienpolitik Friedrichs und des politischen Machtanspruchs beider Seiten zum Machtkampf mit Papst Gregor IX., der den Kaiser 1227 bannte. Dennoch erreichte Friedrich im Heiligen Land die Übergabe Jerusalems. Der Konflikt setzte sich auch fort, als Innozenz IV. Gregors Nachfolge antrat. Innozenz erklärte den Kaiser 1245 gar für abgesetzt. Friedrich II. starb im Dezember 1250. Nach seinem Tod tobte der Kampf des Papstes gegen die Staufer weiter. Konrad IV. konnte sich im Königreich Sizilien behaupten, starb aber 1254. 1268 wurde der letzte Staufer, der sechzehnjährige Sohn Konrads IV., Konradin, im Kampf um sein sizilianisches Erbe gegen Karl von Anjou in Neapel öffentlich hingerichtet.

Spätmittelalter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Das Spätmittelalter (circa 1250 bis 1500) wird in der neueren Forschung im Gegensatz zur älteren Lehrmeinung nicht mehr als Niedergangszeit begriffen.[19] Die Zeit bis ins späte 14. Jahrhundert war stark vom Wahlkönigtum geprägt: Drei große Familien, die Habsburger, die Luxemburger und die Wittelsbacher, verfügten über den größten Einfluss im Reich und über die größte Hausmacht. Es kam zwar zu Krisen wie Hungersnöten aufgrund von Überbevölkerung (siehe auch Spätmittelalterliche Agrarkrise), Pestausbrüchen (Schwarze Tod, dem rund ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer fiel und in dessen Verlauf es zu anti-jüdischen Pogromen kam) Mitte des 14. Jahrhunderts und zum abendländischen Schisma. Aber im Spätmittelalter florierten auch die Städte und der Handel mit der expandierenden Hanse, es kam zu grundlegenden politischen Strukturierungen und es begann der Übergang in die Renaissance.

Interregnum und beginnendes Hausmachtkönigtum (1254–1313)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Nach dem Ende der Staufer verfiel die Königsmacht. Das Königtum stützte sich nur noch auf ein geringes Reichsgut, das vor allem während des 14. Jahrhunderts durch Reichspfandschaften weitgehend verloren ging. Der König musste nun versuchen, seine Hausmacht zu erweitern und damit Politik zu machen. Als neuer Machtfaktor erwiesen sich inzwischen die Reichsstädte. Eine Gruppe mächtiger Reichsfürsten (die späteren Kurfürsten) wählten in einer verfassungsrechtlich bemerkenswerten Doppelwahl sowohl Richard von Cornwall aus England als auch Alfons von Kastilien zum König. Dies verschaffte den Wählenden die Möglichkeit, ihre eigene Macht weiter auszubauen, wenngleich die Forschung betont, dass die Kurfürsten gegenüber den Reichsinteressen keineswegs desinteressiert waren. Beide Gewählten waren aber zu schwach, sich im Reich durchzusetzen, und strebten eher nach der Kaiserkrone. Richard war ganz selten im Reich, Alfons hat es nie betreten. Zeitgenossen sprachen schon damals vom „Interregnum“, der königslosen Zeit, doch wird dieser Zeitraum in der neueren Forschung differenzierter beurteilt, zumal es zu keinem Zusammenbruch des Reiches kam.[20]

Das Interregnum wurde 1273 durch die Wahl Rudolfs von Habsburg beendet. Seit dieser Zeit waren die Kurfürsten das exklusive Wahlgremium und beanspruchten auch Mitwirkungsrechte. Rudolf ebnete dem Haus Habsburg den Weg, auf dem es zu einer der mächtigsten Dynastien im Reich wurde. Er konnte die Königsmacht wieder konsolidieren und effektiv Handlungsspielräume nutzen, doch gelang es ihm nicht, Kaiser zu werden. Seine beiden Nachfolger, Adolf von Nassau und Albrecht I., standen im Konflikt mit den Kurfürsten aufgrund ihrer expansiven Hausmachtpolitik. 1308 wurde der Luxemburger Heinrich VII. zum König gewählt. Dieser konnte 1310 seine Hausmacht um Böhmen erweitern, das Haus Luxemburg stieg zur zweiten großen spätmittelalterlichen Dynastie neben den Habsburgern auf. Er betrieb in Anlehnung an die Staufer wieder eine Italienpolitik und wurde im Juni 1312 in Rom zum Kaiser gekrönt. Er starb im August 1313 in Italien.

Ludwig IV. der Bayer und Karl IV. (1314–1378)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Goldene Bulle Karls IV.
Nach dem Tod Heinrichs setzte sich nach einer Doppelwahl 1314 der Wittelsbacher Ludwig der Bayer gegen die Habsburger durch. 1327 zog Ludwig nach Italien und wurde im darauffolgenden Jahr in Rom zum Kaiser gekrönt, allerdings ohne Mitwirkung des Papstes, der Ludwig die päpstliche Approbation verweigerte. Im Kampf des Kaisers gegen das Papsttum, dem letzten Kampf der beiden Universalgewalten des Mittelalters, bestätigten die Kurfürsten im Kurverein von Rhense 1338, dass ein von ihnen gewählter König nicht vom Papst bestätigt werden müsse. Eine von den Luxemburgern geführte Opposition gegen Ludwigs Hausmachtpolitik formierte sich 1346. Der Luxemburger Karl IV. wurde von seinen Anhängern mit Unterstützung des Papstes zum Gegenkönig gewählt.

Der Tod Ludwigs 1347 verhinderte einen längeren Krieg. Karl IV. verlegte seinen Herrschaftsschwerpunkt nach Böhmen. Er gewann unter anderem die Mark Brandenburg zu seinem Hausmachtkomplex hinzu. Im Vertrag von Namslau 1348 erkannte Kasimir der Große von Polen die Zugehörigkeit Schlesiens zu Böhmen – und damit zum Heiligen Römischen Reich – an, versuchte später jedoch beim Papst, diesen anzufechten. 1348 wurde in Prag die erste deutschsprachige Universität gegründet. 1355 wurde Karl zum Kaiser gekrönt. Er verzichtete auf eine Weiterführung der Italienpolitik und gab auch im Westen teils Reichsrechte auf; das Reichsgut verpfändete er weitgehend, so dass die nachfolgenden Könige sich endgültig nur noch auf ihr Hausgut stützen konnten. Die Goldene Bulle von 1356 stellte bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs eine Art Grundgesetz dar und regelte die Wahlmodalitäten (einschließlich Mehrheitsprinzip). Ihr Hauptziel war die Verhinderung von Gegenkönigen und Thronkämpfen. Karl glaubte, die Machtstellung des Hauses Luxemburg zementiert zu haben, vor allem aufgrund seiner starken Hausmacht, doch gelang es den nachfolgenden Luxemburger Königen nicht mehr, effektiv darüber zu verfügen.

Beginnender Aufstieg Habsburgs (1378–1493)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Heilige Römische Reich um 1400
Unter dem Nachfolger Karls verfiel die Königsmacht endgültig. Wenzel, der ältere Sohn Karls IV., wurde 1400 von den vier rheinischen Kurfürsten wegen Untätigkeit abgesetzt. Nach dem Tod des Nachfolgers Ruprecht von der Pfalz aus dem Hause Wittelsbach 1410 wurde mit Wenzels Bruder Sigismund, der bereits König von Ungarn war, wieder ein Luxemburger gewählt. Sigismund war ein gebildeter und intelligenter Herrscher, doch verfügte er über keine ausreichende Machtbasis im Reich. Er erreichte zwar 1433 die Kaiserkrönung, war jedoch nicht in der Lage, das Königtum zu stabilisieren. Eine Reichsreform scheiterte an Eigeninteressen der Landesherrscher. Durch die Einberufung des Konzils von Konstanz konnte er allerdings das Abendländische Schisma beenden.

Mit dem Tod Sigismunds erlosch das Haus Luxemburg in männlicher Linie. Die Habsburger traten 1438 mit Albrecht die Nachfolge an. Von 1438 bis 1740 und von 1745 bis zum Ende des Reiches 1806 sollte das Haus Habsburg nun den römischen König stellen. Unter der langen Regierung von Friedrich III. (1440–1493) wurde der Grundstein für die spätere habsburgische Weltmachtpolitik gelegt. Gleichzeitig durchlief das Reich einen Struktur- und Verfassungswandel, wobei in einem Prozess „gestalteter Verdichtung“ (Peter Moraw) die Beziehungen zwischen den Reichsgliedern und dem Königtum enger wurden.[21]

Frühe Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
→ Hauptartikel: Deutschland in der Neuzeit und Frühe Neuzeit
Maximilian I. (1486–1519)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Maximilian I. erwarb durch Heirat das Herzogtum Burgund, zu dem die reichen Niederlande gehörten, für sein Haus und behauptete es im Krieg gegen Frankreich. 1495 beschloss der Wormser Reichstag eine Reichsreform. Maximilians Sohn Philipp der Schöne wurde 1496 mit der Erbin Spaniens vermählt. Maximilian nahm 1508 ohne päpstliche Krönung den Kaisertitel an. Er beendete faktisch die Züge der römisch-deutschen Könige zur Kaiserkrönung nach Rom (sein Neffe Karl V. wurde aber noch vom Papst in Bologna gekrönt). Grund waren verschiedene schwelende Konflikte mit Frankreich und Venedig, dessen Truppen viele Alpenpässe versperrt hatten. Durch seine Heiratspolitik kamen neben der spanischen Krone auch Böhmen und Ungarn von den Jagiellonen zum Herrschaftsbereich der Habsburger.

Reformation und Gegenreformation (1517–1618)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
→ Hauptartikel: Reformation und Gegenreformation

Martin Luther, Porträt von Lucas Cranach d. Ä., 1529
Mit der Publikation seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel durch Martin Luther setzte 1517 die Reformation ein.

1519 wurde der Habsburger Karl V. zum König gewählt und nannte sich nach seiner Krönung im Jahre 1520 „erwählter Kaiser“; erst zehn Jahre später wurde er im Rahmen einer Aussöhnung als letzter deutscher Herrscher vom Papst gekrönt, diesmal nicht in Rom, sondern in Bologna. Unter Karl stieg Habsburg zur Weltmacht auf. Außenpolitisch war er in ständige Kriege zur Abwehr der Osmanen sowie gegen Frankreich und den Papst verwickelt. Dadurch war seine Stellung im Reich selbst schwach und er konnte die Ausbreitung der Reformation nicht verhindern.

In den Jahren 1522 bis 1526 wurde in etlichen Ländern und Städten des Reichs die Lehre Luthers eingeführt. Die Reformation erfolgte durch Landesherren, die auch zum Landesbischof wurden. Der Bruder des Kaisers, Ferdinand, wollte die Duldung der Lutheraner aufheben. Dagegen protestierten die evangelischen Landesfürsten. Daher leitet sich die Bezeichnung Protestanten für Anhänger der evangelischen Glaubensrichtung ab.

Die schlechte Lage der Bauern hatte schon im 15. Jahrhundert zu regionalen Aufständen geführt, während der Reformationszeit kam es 1524 bis 1526 zu einem Bauernkrieg. 1525 wurde ein Bauernheer unter Führung von Thomas Müntzer bei Frankenhausen vernichtet.

Im Schmalkaldischen Krieg von 1546/1547 kam es erstmals zum Kampf der Katholiken unter Führung des Kaisers gegen die Protestanten. Der Kaiser gewann den Krieg, konnte aber das Augsburger Interim nicht durchsetzen.

Als sich die Fürsten über die Religionsgrenzen hinweg gegen ihn erhoben, verzichtete Karl V. 1556 zugunsten seines Sohnes Philipp II. auf Spanien und machte seinen Bruder Ferdinand zu seinem Nachfolger im Reich. Der neue König hatte bereits 1555 den Augsburger Religionsfrieden ausgehandelt.

Unter dem Eindruck der Reformation begann die katholische Kirche eine innere Reform. Zudem setzte die Gegenreformation ein. Diese bestand zum einen in der Verfolgung von Zweiflern an der offiziellen päpstlichen Lehre durch die Inquisition, zum anderen entstanden neue Orden, von denen die Jesuiten eine führende Rolle bei der Rekatholisierung spielten.

Dennoch war die Religionspolitik von Ferdinands Sohn und Nachfolger Maximilian II. vergleichsweise tolerant, während in Frankreich zur selben Zeit Religionskriege wüteten. Die dezentralisierte Herrschaft im Reich erwies sich hierbei als vorteilhaft, da es in den jeweiligen Landesherrschaften unterschiedliche Konfessionen geben konnten, aber daraus wenigstens zunächst kein scharfer Gegensatz zum Kaisertum entstand, während in Frankreich das Königtum bestrebt war, ausschließlich die katholische Konfession durchzusetzen. Maximilians Sohn Rudolf II. zog sich dagegen in seiner Residenz Prag immer mehr aus der Wirklichkeit zurück, während die religiösen Konflikte sich zuspitzten. Es kam zum Kölner Krieg, als der dortige Erzbischof zum Protestantismus übergetreten war, und in den zum Reich gehörenden Niederlanden verschärfte sich der Widerstand gegen das streng katholische Regiment der spanischen Habsburger.

Die protestantischen Fürsten schlossen sich 1608 unter Führung Friedrichs von der Pfalz zur Union zusammen. Entsprechend schlossen sich die katholischen Fürsten 1609 unter Führung des Bayernherzogs Maximilian I. zur Liga zusammen.

Dreißigjähriger Krieg (1618–1648)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
→ Hauptartikel: Dreißigjähriger Krieg
Nachdem Kaiser Rudolf II. die Regierungsgeschäfte an seinen Bruder Matthias abgetreten hatte, schränkte dieser die den Protestanten gewährten Rechte wieder ein. 1618 kam es deshalb zum Prager Fenstersturz, bei dem zwei kaiserliche Räte von böhmischen Standesvertretern in der Prager Burg zum Fenster hinausgeworfen wurden.

Nach dem Tod des Kaisers wurde der Führer der Union, Friedrich von der Pfalz, 1619 zum König von Böhmen erklärt. Der neue Kaiser Ferdinand II. zog mit dem Heer der katholischen Liga nach Böhmen. In der Schlacht am Weißen Berge 1620 wurde das böhmische Heer besiegt. Nach der Flucht Friedrichs besetzte Tilly die Pfalz und die Oberpfalz. Der Bayernherzog Maximilian I. bekam die Pfälzer Kurfürstenwürde.

Der Dänenkönig Christian IV. rückte 1625 mit seinem Heer in Norddeutschland ein. Er wurde aber vom kaiserlichen Heer unter Tilly und dem böhmischen Adligen Wallenstein besiegt. Pommern, Jütland und Mecklenburg wurden vom katholischen Heer besetzt.

Nach dem Ende des Dänisch-Niedersächsischen Krieges erließ der Kaiser 1629 das Restitutionsedikt. Besorgt wegen seiner erheblich gestiegenen Machtfülle erreichten die Reichsstände auf dem Regensburger Kurfürstentag 1630 die Absetzung seines Feldherrn Wallenstein.

Nun griff der Schwedenkönig Gustav II. Adolf ins Kriegsgeschehen ein. Bei Rain fiel 1632 Tilly. Der Kaiser setzte daraufhin Wallenstein wieder ein. Bei der Schlacht von Lützen 1632 fiel der Schwedenkönig.

Wallenstein wurde 1634 erneut abgesetzt und bald darauf ermordet. Um die Schweden vom deutschen Boden zu vertreiben, schloss der Kaiser mit dem protestantischen sächsischen Kurfürsten 1635 einen Sonderfrieden, den Frieden von Prag.


Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1648
Das katholische Frankreich griff 1635 auf schwedischer Seite ein, jedoch konnte keine der beiden Seiten den Krieg für sich entscheiden. Große Teile des Reiches wurden verwüstet. Die Vorkriegs-Einwohnerzahl wurde erst wieder um 1750 erreicht. Der neue Kaiser Ferdinand III. bemühte sich seit 1637 verstärkt um Friedensverhandlungen, aber Deutschland war längst zum Spielball fremder Mächte geworden, wodurch sich das Leid der Bevölkerung weiter verlängerte. Die seit 1642 laufenden Verhandlungen führten am 24. Oktober 1648 zum Westfälischen Frieden.

Der Friedensschluss beinhaltete eine Abtretung von Teilen Lothringens und des Elsass an Frankreich. Die Niederlande und die Schweiz schieden offiziell aus dem Reich aus. Die Stellung der Reichsstände und der Territorien wurde gestärkt und der Augsburger Religionsfriede bestätigt. Bei einem Konfessionswechsel des Landesherrn wurde nicht mehr von der Bevölkerung dasselbe verlangt. Die Macht des Kaisers wurde noch weiter eingeschränkt, seine Durchsetzungskraft beruhte in der Zukunft nur noch auf der Stellung seiner Dynastie.

Das Heilige Römische Reich zerfiel in 382 souveräne und halbsouveräne Territorien. Dieses Reichsgebilde wurde vom zeitgenössischen Staatsrechtler Samuel Pufendorf als „Monstrum“ oder „durch göttliche Fügung bewahrtes Unding“ bezeichnet. Pufendorf verwendete aber auch als einer der ersten die Bezeichnung „Deutschland“.

Absolutismus (1648–1789)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
→ Hauptartikel: Absolutismus

Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg
Die Zerstörungen und Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen Kriegs förderten die Entwicklung staatlich gelenkter Wirtschafts- und Sozialpolitik. Verbunden mit der merkantilistischen Wirtschaftsform war das Entstehen der absolutistischen Herrschaftsform nach Vorbild des französischen Königs Ludwig XIV.

Unter Kurfürst Friedrich Wilhelm begann seit 1640 der Aufstieg Preußens. Der nachfolgende Kurfürst Friedrich III. ließ sich 1701 zum König Friedrich I. in Preußen krönen. Die Standeserhebung gelang nur, weil er als Herzog von Preußen über ein Territorium außerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches verfügte, das völlig souverän vom Reich war. Gegen eine Zahlung von zwei Millionen Talern und die Entsendung eines Truppenkontingentes für die Reichsarmee stimmte der habsburgische Kaiser Leopold I. schließlich zu. Der Aufstieg Brandenburg-Preußens, später einfach nur als Königreich Preußen bezeichnet, führte zum Dualismus mit Österreich, der Deutschlands Innenpolitik bis 1866 bestimmen sollte.

Unter dem Habsburger Kaiser Leopold I. war das Reich der zweifachen Bedrohung durch die Osmanen und den Expansionsdrang Frankreichs unter Ludwig XIV. ausgesetzt. 1683 konnte der Kaiser mit Unterstützung einiger deutschen Fürsten und des Polenkönigs Jan III Sobieski, der die Schlacht am Kahlenberg bei Wien gegen Kara Mustafa gewann, die Türken vor Wien schlagen und aus Ungarn vertreiben.

Dadurch wurde ein Krieg gegen Frankreich verhindert, zu dem schon gerufen werden sollte. Frankreich hatte sich – die außenpolitische Gelegenheit nutzend – unter Ausschluss der verfassungsgemäßen Gegebenheiten die freie Reichsstadt Straßburg und andere elsässische Gebiete in sein Territorium einverleibt, obwohl diese Gebiete Reichsstände waren.

Durch die Wahl des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. 1697 zum König von Polen kam es bis 1763 zu einer Personalunion von Sachsen und Polen, die durch den Großen Nordischen Krieg und den Polnischen Thronfolgekrieg unterbrochen wurde. Ebenso gab es von 1714 bis 1837 eine Personalunion von Hannover und England.

Das Aussterben der spanischen Habsburger löste 1701 den Spanischen Erbfolgekrieg aus, der mit dem Tod von Joseph I. eine für Habsburg ungünstige Wende nahm, allerdings auch die Kräfte Frankreichs erschütterte. Das österreichische Haus Habsburg war unter Leopold I. und Joseph I. dennoch zur europäischen Großmacht geworden.


Gottfried Wilhelm von Leibniz,
Porträt von Christoph Bernhard Francke, um 1700; Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig
Das Aussterben der österreichischen Habsburger im Mannesstamm mit Kaiser Karl VI. führte 1740 zum Österreichischen Erbfolgekrieg. Der Wittelsbacher Karl VII. wurde zum neuen Kaiser gewählt, Friedrich II. fiel im habsburgischen Kronland Schlesien ein.

Karls VI. Tochter Maria Theresia konnte die Kaiserkrone für ihren Gemahl Franz I. zwar mit britischer Hilfe schließlich gegen preußische Hegemonialansprüche verteidigen, sie verlor aber im Siebenjährigen Krieg 1763 Schlesien endgültig an Preußen.

Schweden verlor durch seine Niederlage im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) gegen Russland, Dänemark, Sachsen-Polen und Preußen fast alle Besitzungen im Reich. Durch die drei Teilungen Polens 1772, 1793 und 1795 kamen Österreich und Preußen zu erheblichen Gebietsgewinnen.

Die Aufklärung hielt Einzug in Preußen unter Friedrich dem Großen (der Alte Fritz), der nach den Prinzipien des aufgeklärten Absolutismus herrschte. Auch in Österreich unter Kaiser Joseph II. hielt die Aufklärung Einzug. Sie führte jedoch nicht zu Reformen, die die feudalen Machtverhältnisse erschütterten. Josephs Bruder und Nachfolger Leopold II. musste einen Teil der Reformen in den österreichischen Erblanden wieder zurücknehmen.

Das „lange 19. Jahrhundert“ (1789–1914)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Als historische Epoche hat das 19. Jahrhundert Überlänge, indem es jeweils mit umwälzenden Ereignissen auch für die Geschichte Deutschlands schon 1789 anfängt und erst 1914 endet. Den Auftakt bilden die Französische Revolution und Napoleon Bonapartes zeitweilige Vorherrschaft über Europa; das Ende markiert der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, mit dem nach einem Wort des damaligen britischen Außenministers Edward Grey in Europa die Lichter ausgingen.[22] Für Deutschland war dieses lange Jahrhundert jene Epoche, in der Freiheit und Einheit der Nation als Bürgerforderungen den deutschen Fürsten präsentiert wurden und in der Revolution 1848/49 vorerst scheiterten, in der die industrielle Revolution neue wirtschaftliche, soziale und politische Strukturen hervorbrachte und in der mit Hilfe des preußischen Militärs unter Bismarcks politischer Leitung das Deutsche Kaiserreich zustande kam.

Vom Ende des Alten Reiches bis zum Scheitern Napoleons I.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Heilige Römische Reich am Vorabend der Französischen Revolution 1789
In der mit Freiheitspathos, allgemeinen Menschenrechten und gewaltenteilender Verfassung verbundenen Frühphase der Französischen Revolution wurden diese Errungenschaften auch in Deutschland teils enthusiastisch begrüßt. Man kannte und schätzte in gebildeten Kreisen französische Aufklärer wie Voltaire, Montesquieu und Rousseau. Die Radikalisierung des Revolutionsgeschehens in Frankreich bis hin zum Dauereinsatz der Guillotine gegen „Feinde des Volkes“ und Verdächtige führte außerhalb jedoch schnell zu weit überwiegender Ablehnung dieser Entwicklung. Die aus dem revolutionären Frankreich geflohenen adligen Emigranten schürten die gegenrevolutionäre Stimmung an den Höfen im Ausland. In der Pillnitzer Deklaration drohten Kaiser Leopold II. und König Friedrich Wilhelm II. von Preußen bereits mit militärischer Intervention zugunsten des französischen Königs Ludwigs XVI. In den nachfolgenden Koalitionskriegen gegen das französische Revolutionsheer gab es aber keinen durchschlagenden Erfolg. Vielmehr gelang es dem aus dessen Reihen hervorgegangenen General Napoleon Bonaparte, durch militärische Erfolge und politisches Geschick die Führung der Republik an sich zu reißen, sich alsbald zum Kaiser der Franzosen zu krönen und auch die politischen Verhältnisse in Deutschland in seinem Sinne neu zu ordnen.

Während die Franzosen als Nation in einem Staat geeint waren, bot das Heilige Römische Reich deutscher Nation eher ein Bild staatlicher Zersplitterung in die Territorien unterschiedlichster Größe der mehr als 300 Reichsstände. Als Kulturnation durch Sprache, Literatur und Geistesleben geeint, waren die Deutschen weit davon entfernt, eine Staatsnation zu bilden.[23] Für Goethe war Deutschland nicht recht dingfest zu machen: „Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.“[24]


Napoleon zu Pferde
(S. Meister, 1832, Öl auf Leinwand, Städtisches Museum Simeonstift Trier)
Mit dem Frieden von Lunéville 1801, der das ganze linksrheinische Gebiet Frankreich angliederte und Kompensationsansprüche deutscher Reichsstände zur Folge hatte, wurde Napoleon zum „Schiedsrichter über Deutschland“. Seinem politischen Gestaltungsanspruch unterlag folglich auch der Reichsdeputationshauptschluss 1803, durch den die katholischen Fürsten in Deutschland im Zuge der Säkularisation und Mediatisierung fast alle ihre Besitzungen verloren. Gebietszuwächse erlangten dabei vor allem Preußen, Bayern, Württemberg und Baden.[25] Kurz nachdem Napoleon sich 1804 zum Kaiser der Franzosen gemacht hatte, erklärte sich Franz II. zum erblichen Kaiser von Österreich, da er als römisch-deutscher Kaiser bedeutungslos geworden war.

Mit dem Sieg Napoleons in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz 1805, der Gründung des Rheinbunds unter französischem Protektorat 1806 und der Niederwerfung Preußens durch Napoleon in der Schlacht bei Jena und Auerstedt sowie seinem anschließenden Einzug in Berlin nahm die Franzosenzeit in Deutschland forciert ihren Lauf. Die Sonderformation der Rheinbundstaaten setzte den Schlusspunkt unter die Auflösung des Alten Reiches, da Franz II. als römisch-deutscher Kaiser nun auch formal abdankte. Der Rheinbund, über den Napoleon militärisch wie außenpolitisch gebot, vollzog teilweise innere Reformen nach französischem Vorbild, wurde aber je länger desto deutlicher zu einem Instrument französischer Hegemonie im Dienste Napoleons.[26] Preußen verlor im Frieden von Tilsit die Besitzungen westlich der Elbe und fast alle Gebietszuwächse aus den Teilungen Polens: Es wurde nahezu halbiert. Die auch durch die französische Besatzung sinnfällige Bedrohung seiner staatlichen Existenz bereitete aber auch den Boden für die Preußischen Reformen unter Stein und Hardenberg, die zumal für das Militär (Scharnhorst und Gneisenau), für die Wirtschaft sowie für das Bildungwesen (Wilhelm von Humboldt) neue Kräfte wecken und neue Ressourcen erschließen sollten.

Weil Napoleon Deutschland hauptsächlich als imperiale Rekrutierungsbasis der Grande Armée behandelte und zum Objekt finanzieller und wirtschaftlicher Ausbeutung machte, schlugen anfängliche Bewunderung für den Korsen oder relative Gleichgültigkeit um in Abneigung, Verbitterung und Hass auf die französische Okkupationsmacht.[27] Die Verhängung der Kontinentalsperre gegen England durch Napoleon, die ein ausgedehntes Schmuggelwesen erzeugte, gegen das wiederum mit militärischen Mitteln repressiv vorgegangen wurde, ließ den allgemeinen Unmut weiter ansteigen. Man war ständig Kontrollen und Schikanen ausgesetzt, litt unter Teuerung und Versorgungsengpässen.[28]

Erst Napoleons gescheiterter Russlandfeldzug ließ 1813 eine Lage entstehen, in der durch eine Koalition der anderen europäischen Mächte die Napoleon verbliebenen Truppen geschlagen und die französische Vorherrschaft in Deutschland wie in Europa beendet werden konnte. Das Signal für den Beginn der Befreiungskriege setzte der preußische General Yorck von Wartenburg, indem er am 30. Dezember 1812 ohne die Order seines noch mehrere Wochen zögerlichen Königs die Konvention von Tauroggen abschloss. Offiziell wurde die preußisch-russische Allianz Ende Februar 1813. Österreich trat erst im August 1813 in den Krieg gegen Napoleon ein, trug aber zu dessen Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig wesentlich bei. Nun sagten sich auch die Rheinbundstaaten von Napoleon los, und bis zum Jahresende war ganz Deutschland befreit.

Deutscher Bund und „Heilige Allianz“ (ab 1815)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 39 Bundesstaaten des Deutschen Bundes
Als die europäischen Mächte auf dem Wiener Kongress darangingen, die Hinterlassenschaft der Ära Napoleons auch in Deutschland neu zu ordnen, suchte man die Balance zu halten zwischen einer Zersplitterung, die als Machtvakuum Begehrlichkeiten der westlichen wie der östlichen Nachbarmächte Frankreich und Russland hätte wecken können, und einer national geeinten deutschen Großmacht, die ihrerseits auf Expansionskurs hätte gehen können.[29] Als für alle akzeptable Neuschöpfung entstand so der Deutsche Bund, kein Bundesstaat, sondern ein Staatenbund aus 41 souveränen Mitgliedern mit einem in Frankfurt am Main tagenden ständigen Gesandtenkongress, dem Bundestag, als einzigem gemeinsamen Organ. Mit den Königen von England, den Niederlanden und Dänemark waren einerseits auch ausländische Fürsten mit Territorialbesitz im Deutschen Bund vertreten; die Herrscher Österreichs und Preußens andererseits geboten zusätzlich über Gebiete außerhalb des Bundes.


Clemens Wenzel von Metternich

Friedrich Wilhelm III.
Der betont restaurative Charakter der Beschlüsse des Wiener Kongresses zeigte sich besonders in der von Zar Alexander I. initiierten Heiligen Allianz, in der die europäischen Herrscher einander Verbundenheit und wechselseitigen Beistand bezeugten und darin übereinstimmten, ihre Völker in väterlichem Sinne christlich und friedlich zu regieren. „Die Heilige Allianz ist kein Instrument realer Politik der europäischen Mächte, aber sie wird ein Symbol der konservativen, der antirevolutionären Restauration und Stabilisierungspolitik.“[30] In der politischen Praxis gingen die beiden Großmächte innerhalb des Deutschen Bundes, Österreich mit Metternich an der Spitze und Preußen, besonders entschieden auf Restaurationskurs. So löste Friedrich Wilhelm III. von Preußen zur allgemeinen Enttäuschung aller Reformanhänger sein wiederholtes Versprechen nicht ein, Preußen zu einem Staat mit Verfassung zu machen, während in Süddeutschland eine ganze Reihe von Verfassungsstaaten entstanden. Das hatten sich viele der Freiwilligen anders vorgestellt, die für Freiheit und Einheit des Vaterlands in die Befreiungskriege gezogen waren.

Die Proteststimmung konzentrierte sich in den studentischen Burschenschaften und kam in öffentlichen Manifestationen zum Ausdruck, so beim Wartburgfest 1817, wo neben den Forderungen nach nationaler Einheit und konstitutioneller Freiheit auch solche gegen den Polizeistaat und die feudale Gesellschaft geäußert wurden. Die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue, der die Burschenschaften verspottet und die russische Regierung mit Berichten über jakobinische Tendenzen an deutschen Universitäten versorgt hatte, durch den Theologiestudenten Karl Ludwig Sand sowie ein weiteres Attentat mit burschenschaftlich-radikalem Hintergrund wurden zum Anlass für die von Metternich betriebenen Karlsbader Beschlüsse 1819. Diese führten zum Verbot der Burschenschaften, zur Überwachung der Universitäten auch hinsichtlich staatsfeindlicher Lehre, zu ausgedehnter Zensur von Druckerzeugnissen und zur „Exekutionskompetenz gegen widerspenstige oder revolutionäre Gliedstaaten“ des Deutschen Bundes. „Indem jede freie Bewegung abgewürgt und unterdrückt wurde, konnte sich kein politisches Leben, Öffentlichkeit und Verantwortung bilden, keine großen Ziele und keine konkreten Aufgaben, kein freies Wechselspiel der verschiedenen Kräfte.“[31]

Das deutsche Leben wurde ins Innerliche abgedrängt, in Kunstverehrung, Wissenschaft oder Geschichte, in eine weitgehende Entpolitisierung jedenfalls. Bürger, die ihre politische Protesthaltung nicht im Untergrund hochhalten oder theoretisch vertiefen wollten, widmeten sich verstärkt dem Privatleben in Haus und Familie. Kleinheit, Überschaubarkeit und Gemütlichkeit gehörten zum Biedermeier-Ambiente und prägten das Zusammenleben. Der gemeinsame Sonntagsspaziergang der Familie wurde im bürgerlichen Milieu nun ebenso üblich wie der Weihnachtsbaum, das Weihnachtsliedersingen und die Hausmusik im kleinen Kreis.[32]